Moderne Mythen

Folge I: Das Waldsterben

Monika Eckmann

Man erinnert sich kaum noch daran, wo es zum ersten Mal vorkam, doch plötzlich war es in aller Munde, das Wort "Waldsterben". Die Politik sprach vorerst von "neuartigen Waldschäden" und mußte sich öffentlich vorwerfen lassen, die Situation zu verharmlosen. Seither gibt es jährlich einen "Waldschadensbericht", welcher nach allgemeiner Ansicht das fortschreitende Sterben der Wälder dokumentiert.

Dieses Wort wurde selbstverständlich erfunden, um bestimmte Auffassungen griffig zu formulieren. Was wir als die Waldsterbenhypothese bezeichnen können, ist die Konjunktion folgender Annahmen:

  1. Das Phänomen:

    Die Wälder gehen seit 1980 zugrunde, ohne daß eine der früher für Baumsterben gültigen Erklärungen zuträfe. Vielmehr ist das Waldsterben eine von allen bisher bekannten Baumkrankheiten verschiedene Schädigung, die das ganze Ökosystem Wald betrifft.

  2. Sein Umfang:

    Das Waldsterben ist ein globales Phänomen; es ist weder räumlich auf Deutschland begrenzt, noch sind nur einzelne Baumarten betroffen.

  3. Seine Ursache:

    Die Wälder sterben, weil sie zunhemend durch Luftschadstoffe belastet sind. Diese gelangen mit jedem Regen in großer Menge ins Erdreich und vergiften von da aus unaufhaltsam die Bäume.

  4. Und seine Folgen:

    Das Waldsterben legt ein bedrohliches Tempo vor. Da viele kranke Bäume gefällt werden, fallen die Holzpreise infolge eines Holzüberangebotes und es kommt zu wirtschaftlichen Verlusten in Milliardenhöhe.

Diese Hypothese hat damals sehr viel Aufsehen erregt. Die Magazine und Zeitungen waren voll von Meldungen über den Verlauf und die zu erwartenden Folgen des Waldsterbens. Natürlich ist der hypothetische Status dieser Aussagen auf dem Weg von der Forstwissenschaft zur Presse auf der Strecke geblieben, so daß uns diese Aussagen als überprüfte Fakten und sichere Prognosen präsentiert wurden. Aber die Aufregung brachte auch Gutes: Der Wald wird seither gründlicher beobachtet und vermessen als je zuvor. Inzwischen sind über fünfzehn Jahre ins Land gegangen, ungeheure Datenmengen sind erhoben, wir kennen unsere Wälder so gut wie noch nie, und erleichtert dürfen wir feststellen: Die Waldsterbenhypothese ist falsifiziert, der Wald stirbt nicht, vielmehr wächst er in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts sogar schneller als in der ersten.

Prognosen und Befunde

Die bekanntesten Kenngrößen, mit denen das Waldsterben dokumentiert werden soll, sind die Schadensklassen. Die Schadensklasse eines Baumes wird durch Vergleich seiner Krone mit einer genormten Photoserie ermittelt, die Bäume jeweils derselben Art mit verschieden dichter Kronenbelaubung zeigt. Auf diese Weise wird geschätzt, wie viele seiner Blätter der Baum verloren hat. Daher der Name "Schadensklasse". Doch diese Bezeichnung ist irreführend insofern, als sogar kerngesunde Bäume auf nährstoffarmen Böden sehr lichte Kronen haben können und in der Regel auch haben. Diese Bäume werden als geschädigt eingestuft, obwohl sie keine Blätter verloren haben. Das erklärt zum Teil auch, warum der Waldschadensbericht davon spricht, daß sich die Schäden auf einem hohen Nivau stabilisiert hätten.

Zur Beurteilung des tatsächlichen Gesundheitszustandes der Bäume ist diese Größe also ungeeignet. Dennoch ist sie durchaus hilfreich, die Waldsterbenhypothese zu testen, denn eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes der Bäume würde sich auch darin zeigen, daß sie in höhere Schadensklassen rutschen - unabhängig davon, ob ihre Ersteinstufung tatsächlich einer Schädigung korrespondierte. Nach der Waldsterbenhypothese is also zu erwarten, daß Bäume unabhängig von ihrer Art zunehmend verlichten. Nun zeigt sich zwar für den Beobachtungszeitraum von 1984 - 1994 in der Bundesrepublik eine Zunahme der Schäden bei Buchen und vor allem Eichen, doch sind Fichten und Kiefern davon nicht betroffen. In der Schweiz sind die Ergebnisse ähnlich. Doch das alles ist eher ein Beleg gegen die Waldsterbenhypothese als für sie, denn wenn wir es tatsächlich mit einer Schädigung zu tun hätten, die das ganze Ökosystem Wald gleichermaßen betrifft, so wäre eine über alle Baumarten gleichläufige Entwicklung der Kronenverlichtung zu erwarten.

Außerdem liefern auch die Daten über die Schäden an Laubbäumen keinen Grund zu glauben, wir hätten es mit einem vollkommen neuartigen Phänomen zu tun. Obwohl in früheren Jahren keine systematischen Erhebungen stattgefunden haben, kann man in einigen Fällen Vergleiche mit Daten vom Anfang des Jahrhunderts anstellen. Dies ist unter Rückgriff auf Beschreibungen in der forstwissenschaftlichen Literatur möglich. Doch manchmal sind wir in einer besseren Lage, weil wir Ansichtskarten der damaligen Zeit haben, auf denen Photographien von Waldgebieten abgebildet sind. Vergleiche haben ergeben, daß schon am Anfang des Jahrhunderts der Verlichtungsgrad in den untersuchten Wäldern in vergleichbaren Größenordnungen lag.

Hervorzuheben ist ferner, daß der Anteil der Bäume in den beiden höchsten Schadensklassen nahezu konstant ist. Wollen wir also an der Waldsterbenhypothese festhalten, müssen wir eine Erklärung dafür finden, daß inzwischen nicht schon die meisten Bäume in den hohen Schadensklassen eingestuft werden müssen. So eine Erklärung ist zum Beispiel die Bewirtschaftung unserer Wälder, die dazu führt, daß stark geschädigte Bäume geschlagen werden. Soweit ist der Befund also noch mit der Waldsterbenhypothese verträglich.

Aber dieser Befund ist auch kein Beleg für ein allgemeines Sterben der Wälder, denn die erwähnte Verschlechterung bei den Laubbäumen ist durchaus nichts Ungewöhnliches. Es hat schon oft epidemieartige Erkrankungen gegeben, die als Eichen- oder Buchensterben beschrieben wurden. Dafür, daß hier keine ökosystemare Schädigung vorliegt, sondern eine ganz banale Erkrankung, sprechen auch Untersuchungen der geschädigten Bäume. Dort konnten zwar keine Hinweise auf Schädigungen durch Luftschadstoffe gewonnen werden, doch ließen sich im Gewebe Abwehrreaktionen auf Pilzbefall nachweisen. Allerdings reichen die gegenwärtig verfügbaren Befunde noch nicht zur Aufklärung der Pathophysiologie des Eichensterbens.

Doch die Prognosen, die sich aus der Waldsterbenhypothese ableiten lassen, betreffen noch weitere beobachtbare Größen: Zum Beispiel Sterberate und Holzpreise. Sterberate und Holzpreise sind aus ökonomischen Gründen negativ korreliert. Bis zum Jahr 1990 sind die Holzpreise aber nicht verfallen und die Mortalität der Bäume hat nicht zugenommen. Damit ergibt sich insbesondere, daß die oben erwogene Erklärung dafür, warum der Anteil der Bäume in den höchsten Schadensklassen nicht zunimmt, verworfen werden muß. Erst infolge der Sturmschäden von 1990 und der anschließenden Borkenkäferplage sind die Holzpreise gefallen.

Noch größere Zweifel an der Waldsterbenhypothese ergeben sich, wenn man weitere Beobachtungen hinzuzieht. Bei Bäumen ist es nämlich möglich, in ihre Vergangenheit zu sehen, weil sie Jahresringe haben, deren Dicke ein Maß dafür ist, wieviel Biomasse sie in einem bestimmten Jahr aufgebaut haben. Auf diese Weise können wir zum Beispiel feststellen, ob Bäume, die heute dreißig Jahre alt sind, bessere Zuwachsraten haben, als dreißigjährige Bäume am Anfang des Jahrhunderts - wir müssen nur Probebohrungen an Bäumen vornehmen, die um die Jahrhundertwende dreißig Jahre alt waren. Man hat das untersucht: In verschieden alten Fichtenpopulationen auf allerdings gleich guten Böden hat sich dabei ergeben, daß die jüngeren Bäume in den ersten dreißig Jahren ihrer Existenz schneller gewachsen sind als die älteren Bäume. Man kann anhand der Jahresringe aber auch feststellen, wie sich im Mittel über alle Alterstufen die Zuwachsleistungen der Bäume entwickeln. Hier ergibt sich, daß die jährliche Zuwachsleistung der Bäume im zwanzigsten Jahrhundert einen ganz leichten Anstieg zeigt.

Bleibt noch ein letzter Parameter, der das Waldsterben dokumentieren müßte: der tatsächlich vorhandene Vorrat lebenden Holzes in den Wäldern - also der Bestand. Wenn die Wälder wirklich sterben, sollte er abnehmen. Aber in ganz Mittel- und Nordeuropa zeigt sich in den vergangenen zwanzig Jahren ein Anstieg des Holzvolumens um jährlich ca. 1, und auch in der Fläche haben sich die Wälder ausgedehnt. Von einem Absterben der Wälder kann also keine Rede sein.

Die Prognosen, die Anfang der Achtziger auf Grundlage der Waldsterbenhypothese formuliert wurden und sich inzwischen den Status allgemeiner Meinung erworben haben, haben sich also nicht bestätigt. Damit soll nicht gesagt werden, daß Luftschadstoffe und andere in der Waldsterbenhypothese benannten Effekte in keinem Fall von Nachteil für die Bäume sind.

Luftschadstoffe und ihre Wirkung

Im Zusammenhang mit dem Waldsterben wurden insbesondere drei Schadstoffe diskutiert: , und . Um den letzten, Ozon, ist es ruhig geworden, da erstens - auch das im Gegensatz zu dem, was man gemeinhin annimt - die Ozonkonzentration in Bodennähe währende der 80er Jahre nicht zugenommen hat, zweitens eindeutige Ozonschäden nicht beobachtet wurden und drittens Versuche mit Ozonbegasung nicht die erwarteten Ergebnisse brachten.

Was angeht, so sind Rauchschäden lange bekannt. Niemand kann leugnen, daß hohe eine verheerende Wirkung haben. Damit kann man Wälder tatsächlich umbringen. An der Grenze zur Tschechischen Republik geschieht dies noch heute. Daß schädlich ist, zeigt auch die Auswirkung der Schließung des Rheinmetallwerkes nach Ende des zweiten Weltkriegs in der Nähe von Düsseldorf. Nachdem man aufgehört hatte, sie unablässig zu vergiften, gaben sich die angrenzend beobachteten Bäume ungezügeltem Wachstum hin.

Nun hat die der Wälder im großen und ganzen stetig abgenommen. Dies ist aber nicht ein Verdienst der Waldsterbendebatte. Tatsächlich hat man bereits Mitte der 60er Jahre begonnen, die zu reduzieren. Das hat man vor allem wegen der Menschen und nicht wegen der Wälder getan. Die beliebteste Maßnahme war die später kritisierte "Hochschornsteinpolitik", die im Gegensatz zu den Befürchtungen nicht zu einem Anstieg der Schadstoffkonzentration in ländlichen Gegenden geführt hat. Ab 1988 äußerte sich auch die landesweit durchgeführte Entschwefelung der Kraftwerke in einer Abnahme der Auf den Zustand der Bäume hat sich das allerdings nicht ausgewirkt. Das deckt sich gut mit der Beobachtung, daß nur oberhalb einer gewissen Grenze zu Schäden führt. Diese Grenze wird im Augenblick, wie es aussieht, im Bundesgebiet praktisch überall unterschritten. Übrigens hat sich auch die Hypothese, daß saure Böden schädlich für Bäume sind, nicht bestätigt. Auch das Ausstreuen von Kalk zur Pufferung der hat sich im Großversuch nicht positiv ausgewirkt.

Insbesondere die Entwicklung der Zuwachsraten legt dann nahe, den Stickstoffeintrag zu untersuchen, wenn man die düngende Wirkung von Stickstoff berücksichtigt. Man hat die Hypothese erwogen, daß Stickstoffeinträge zwar kurzfristig das Wachstum steigern, dies aber ein trügerisches Zeichen sei, denn auf lange Sicht müßte es zu Bodenversauerung und Mineralstoffverknappung kommen. Die Grundlage dieser Hypothese waren Modelle, Laborexperimente und Beobachtungen an Orten mit extrem hohen Stickstoffkonzentrationen, wie sie zum Beispiel in der Umgebung von Massentierhaltungen auftreten - also eigentlich harte und ernstzunehmenden Evidenzen. Man findet aber in den Wäldern kaum Bäume, die mit Stickstoff überversorgt sind. Also liegt der tatsächliche Stickstoffeintrag wahrscheinlich unter dem, was sich schädlich auswirkt. Auch dort, wo Fichten und Kiefern schon seit Jahrzehnten in der Nähe von stark stickstoffbelasteten Autobahnraststätten leben, so daß sie zu den wenigen stickstoffüberversorgten Bäumen gehören, zeigen sie keine übermäßige Verfärbung der Nadeln oder andere Schäden.

Bleibt die Frage, warum die Wälder zunehmend schneller wachsen. Der Stickstoffeintrag ist sicherlich nur ein Faktor unter mehreren. Es gibt aber noch andere Veränderungen, die zur Erklärung herangezogen werden können. So hat man im Laufe dieses Jahrhunderts die Form der Bewirtschaftung unserer Wälder dahingehend geändert, daß den Wäldern keine Streu und kein Humus mehr entnommen wird, was früher eine durchaus spürbare Belastung war. Auch der Anstieg der Temperatur, des Niederschlags und der können sich positiv ausgewirkt haben. Ob sich hier langfristige globale Klimaveränderungen andeuten, die in eine Katastrophe führen, neben der das vermutete Waldsterben das deutlich kleinere Übel wäre, möchte ich hier einfach mal dahingestellt sein lassen.

Fazit

Die Wälder sterben nicht. Vielmehr wachsen sie stetig, allen düsteren Prophezeiungen trotzend. Zwar sind nicht alle Bäume gesund, aber es ist auch gar nicht zu erwarten, daß alle Individuen einer Population gesund sind - man denke einmal an die Menschen. Und daß die Bäume nicht so krank sind, wie die Einteilung in "Schadensklassen" suggeriert, wurde oben dargelegt.

Dennoch leben erschreckend viele meiner Mitbürger in der irrigen und überdies traurigen Erwartung, daß schon in wenigen Jahren die Wälder Mitteleuropas baumlosen Wüsten weichen würden. Sie sind desinformiert, müßten aber wenigstens erkennen können, daß ihnen kaum jemals präzise Daten genannt werden. Man sollte also erwarten, daß sie alle auch nur einigermaßen glaubwürdigen Informationen begierig sammelten, mit deren Hilfe sie ihre unsicheren Ansichten einer kritischen Prüfung unterwerfen können. Doch was geschieht? Sie hegen und pflegen ihre Schreckensszenarien und sind nicht davon abzubringen. Dabei sind die nötigen Informationen frei zugänglich. Neben einer ausgedehnten forstwissenschaftlichen Literatur gibt es jährlich stattfindende Forstinventuren, in denen der Bestand erhoben wird, und auch die Waldschadensberichte der Bundesregierung dokumentieren, wie oben dargestellt, keineswegs den Niedergang der Wälder, obwohl das alle denken.

Man kann daraus folgern, daß die Waldsterbenhypothese keine gewöhnliche, rationalen Erwägungen zugängliche Ansicht ist. Sie gehört zusammen mit der Annahme einer bevorstehenden globalen Klimakatastrophe eher zu einer Ideologie des Weltuntergangs, die heute sehr beliebt ist und ganz offensichtlich die Gewißheit der 80er Jahre abgelöst hat, der dritte Weltkrieg werde die Existenz der Menschheit in Kürze beenden.

Ein tröstlicher Gedanke zum Schluß: gegen solche festgefügten Meinungen, die ohne jede Stütze und dennoch unangreifbar in den Köpfen der Menschen ihr Unwesen treiben, wird man bestimmt eines Tages wirksame Medikamente entwickeln.


Friesische Blätter