Christliche Ökonomie

David Schmidt

"Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch." Tatsächlich, Vögel arbeiten nicht. Nichts, dessen Vögel bedürfen, kommt durch ihr Tun in Welt. Was sie verbrauchen, wird ihnen durch glückliches Schicksal zuteil. Sie können nichts tun, was die Menge des für sie Guten vermehrt - dafür muß schon Gott sorgen. Das ist das Bild der christlichen Ökonomie, wie Jesus es in der Bergpredigt dargelegt hat. Diesem Bild zufolge, in dem lediglich ausgespart ist, daß Gott auch eine ganze Reihe von Vögeln verhungern läßt, gibt es eine vorbestimmte Menge von Gütern, die vermehren zu wollen töricht, anmaßend oder gar unmöglich ist. Wem die Welt so erscheint - und das sind nicht wenige -, der hat nur noch ein ökonomisches Problem zu lösen: Wie sollen die vorhandenen Güter gerecht verteilt werden? Wenn wir die Menge der Güter einmal als gegeben annehmen, so drängt sich genau ein Verteilungsprinzip von allein auf. Wir sollten die Güter gleichmäßig unter die Menschen verteilen. Gleichverteilung der Güter in diesem Sinne ist eine solche, bei der ein jeder mit seiner Portion so zufrieden ist, wie er es auch mit jeder Portion wäre, die ein anderer bekommt. Christliche Ökonomen predigen uns entsprechend, der Verbrauch von Rohstoffen und Energie sei ungerecht verteilt; wir, die erste Welt, müßten abgeben und teilen.

Jesus hatte Unrecht. Menschen stellt sich Welt ganz anders dar als Vögeln. Beinahe alles, was Menschen glücklich macht, was sie erstreben oder haben wollen, wird ihnen nur durch Arbeit - eigener oder solcher anderer Leute - zugänglich. Das betrifft materielle Güter wie Nahrung, Kleidung, Telephone oder Waschmaschinen unabhängig davon, ob sie erst durch Arbeit in die Welt kommen oder ob sie durch Arbeit bloß verfügbar gemacht werden, wie das Salz, das auch nicht von Natur aus in kleinen Pappschachteln beim Krämer um die Ecke kristallisiert. Aber auch immaterielle Dinge wie Gesundheit, Wohlbefinden, Schutz gegen Risiken oder sogar die Länge unseres Lebens lassen sich nur durch Arbeit vermehren. Telephone sind nicht nur selbst ein Gut, auch die Tatsache, daß wir öfter, schneller und über große Entfernungen mit einander reden können, ist etwas, woran uns gelegen ist. Indirekt führt Arbeit dazu, daß wir unsere Bekannten, Freunde, Sexual- und Lebenspartner heute aus einer wesentlich größeren Menge von Leuten wählen können. Auch saubere Luft kostet Arbeit; wenn wir nämlich beschließen, daß Autos und Kohlekraftwerke nicht betrieben werden dürfen, es sei denn, die Abgase werden gereinigt, so wird ein Teil der geleisteten Arbeit auf die Produktion von Katalysatoren und Filtern verwandt, die uns bessere Luft bescheren. Ja sogar Güter wie Gerechtigkeit, Fairneß oder Rechtssicherheit, die man nicht für sich allein erstreben kann, weil sie Gleichbehandlung aller voraussetzen, kommen nur durch Arbeit in die Welt.

Ein jedes Gut wird nur durch Arbeit verfügbar. Nun hängt unser Wohlbefinden unmittelbar davon ab, wieviel eines jeden Gutes jeweils verfügbar ist. Nehmen wir einmal an, ein göttliches Wesen, das von den Prinzipien christlicher Ökonomie geleitet ist, würde in dieser Welt eine Gleichverteilung der Güter erzwingen. Was ein jeder durch seine Arbeit erzeugt, würde wie durch ein Wunder ihm genommen und allen in gleicher Weise zuteil werden. Man mache sich die Konsequenzen klar. Will einer auch nur einen Schokoriegel mehr, so müßte er um die 6 Milliarden Schokoriegel herstellen. Wer würde das tun? Umgekehrt könnte einer seine ganze Arbeit einstellen, ohne das die ihm zuteil werdende Menge an Gütern merklich schrumpfte, schließlich hängt sie nur zu einem winzigen Bruchteil von seinem Anteil an der Gesamtarbeit ab. Der christliche Ökonom, der von uns fordert, mit allen Armen dieser Welt zu teilen, fordert in Wirklichkeit nur, daß wir uns jeden Grundes berauben sollten, die Güter, die er so gern verteilt sehen will, überhaupt herzustellen. Auf diesem Wege wird niemand etwas bekommen. Gleichverteilung unter der Nebenbedingung, daß Güter nur durch Arbeit entstehen, führt nur dazu, daß keine Güter entstehen.

Hier wird der christliche Ökonom uns belehren, daß wir von der Schlechtigkeit des Menschen ausgehen. Er sagt uns, daß es bloß die Eigenützigkeit sei, die sein Modell scheitern lasse. Würden nämlich die Menschen einfach aus uneigennützigen Motiven arbeiten, so käme die Produktion der Güter nicht zum erliegen, wenn wir eine Gleichverteilung herbeiführten. Also fordert er von uns, daß wir unseren persönlichen Eigennutz beiseite lassen, daß wir unsere eigenen Wünsche dem Wohle aller unterordnen.

Man kann sich über diese stark moralin-haltige Forderung leicht lustig machen. Wir wissen um die Folgenlosigkeit solcher Apelle. Das grundlegende Prinzip einer klugen Politik wird vielmehr sein, solches Verhalten zu belohnen, von dem wir uns wünschen, möglichst viele würden es annehmen, und solches unattraktiv zu machen, das wir gemieden sehen wollen. Wer jetzt denkt, diesem Prinzip könne oder dürfe man sich nicht anvertrauen, weil es sich auf eine unedle Menschennatur stütze, dem halte ich die These entgegen, daß es im Gegenteil ein höchst nützlicher und für alle vorteilhafter Zug der Menschen ist, auch an ihren Vorteil zu denken und auf Belohnung und Nachteil entsprechend zu reagieren. Wenigstens für den Bereich der Ökonomie werden wir dies weiter unten einsehen.

Wollen wir die Menge verfügbarer Güter vergrößern, so gibt es prinzipiell zwei Wege. Zum einen können wir mehr Arbeit auf die Erzeugung eines Gutes verwenden. Zum anderen können wir die aufgewendete Arbeit besser nutzen und mit Hilfe neuer Techniken mit derselben Menge an Arbeit mehr von dem Gut herstellen. Das geschieht nicht nur durch verbesserte Maschinen, oft sind es neue Formen der betrieblichen Arbeitsteilung, die Fortschritte bewirken. Mein britischer Kollege A. Smith berichtet, er habe beobachtet, daß dank verbesserter Produktionsmethoden, ein Arbeiter zwischen 240 und 4800 mal soviele Stecknadeln herstellen könne wie vor der Verbesserung.

Auch Entwicklungen in anderen Bereichen können sich hier auswirken. So profitieren viele Güter davon, daß durch Telefax und Telephon immer mehr Schriftverkehr schneller und immer mehr Geschäftsreisen überflüssig werden. Ist von einem Gut mehr da, so führt dies dazu, daß andere Güter sich mit weniger Aufwand erzeugen lassen. Bisweilen sind es auch zivilisatorische Prozesse, die sich günstig auswirken. So wurde mit Einführung öffentlicher Uhren ein gewisses Maß an Pünktlichkeit möglich und von interessierter Seite auch eingefordert. Aber auch diese Fortschritte müssen erarbeitet werden. All diese Dinge wirken sich also günstig aus auf die Produktivität, wie wir das Verhältnis von erzeugter Gütermenge zum dafür nötigen Aufwand einmal nennen wollen. Seit jeher steigt die Produktivität, und das ist der Grund, daß sich die Menge der Güter, die ein jeder von uns im Laufe seines Lebens nutzt, explosionsartig vermehrt, während die Arbeit, die ein jeder zu leisten hat, einen immer geringeren Anteil an seiner Lebenszeit ausmacht - ein Prozeß, der sich übrigens weltweit abspielt, auch in den Entwicklungsländern.

Beide Möglichkeiten, Steigerung der Arbeit und Steigerung der Produktivität, sind nicht bloß möglich. Sie kommen vor. Natürlich ist die zweite Möglichkeit attraktiver. Mehr Güter bei weniger Aufwand - wer wollte dagegen Einwände haben. Doch hängt dies, wie schon gesehen, von glücklichen Umständen ab, die Verbesserungen in den Bereich des Machbaren rücken. Es stellt sich also die Frage, ob die Aussicht auf solche glücklichen Umstände, technischen und zivilisatorischen Fortschritt sich steigern läßt. Doch Fortschritt allein macht höhere Produktivität bloß möglich. Es braucht noch einen Mechanismus, der dafür sorgt, daß produktivere Methoden mehr Arbeit auf sich vereinigen als die weniger produktiven Alternativen. An dieser Stelle lohnt es sich, einen sehr bekannten Steuerungsmechanismus genauer zu betrachten, den Markt.

Da es verbreitete Vorbehalte gegen die Marktwirtschaft gibt, sind einige Vorbemerkungen zu Begriffen wie Tausch und Konkurrenz angezeigt. Ein freiwilliger Tausch kommt unter den Bedingungen von eigennützlicher Interessenerwägung und guter Information der Beteiligten dann und nur dann zustande, wenn beide das jeweilige Gebot des anderen ihrem eigenen vorziehen. Beide sehen sich nach dem Tausch besser gestellt als vorher, andernfalls hätten sie dem Tausch nicht zugestimmt. Hier werden wir Zeuge eines kleinen Wunders: Ohne daß es mehr Güter in der Welt gäbe, sind Menschen durch bloße Neuverteilung des Gegebenen zufriedener geworden. Das ist möglich, weil verschiedene Menschen an verschiedenen Dingen ein ungleiches Interesse haben. Nennen wir einen freiwilligen Tausch unter den oben genannten Bedingungen einen guten Tausch. Es ist sehr wichtig festzustellen, daß durch einen guten Tausch niemand geschädigt wird. Überall, wo wir Zeuge von Ausbeutung werden, - also vor allem in der dritten Welt - sehen wir einen faulen Tausch, einen, der mindestens eine der drei Bedingungen verletzt. Entweder fehlt die Freiwilligkeit, wenn zum Beispiel Eltern ihre Kinder zur Arbeit zwingen. Oder ein Beteiligter wird über den für ihn aus dem Tausch zu erzielenden Nutzen getäuscht. Schließlich kann aber auch ein Nachteil durch Uneigennützigkeit entstehen, aber das ist kaum mehr als ein theoretisches Problem, da wir eben nicht so sind, wie der christliche Ökonom fordert - ausgenommen von diesem Verdikt sind natürlich Rechtsanwälte, Ärzte und Architekten, die eine Gebührenordnung haben und entsprechend uneigennützig handeln.

Von Markt sprechen wir, wo institutionell der gute Tausch unter der zusätzlichen Bedingung allgemeiner Konkurrenz gefördert und fauler Tausch sowie Kungellei zur Ausschaltung der Konkurrenz unterbunden wird. Allgemeine Konkurrenz betrifft alle möglichen Tauschpartner. Hier findet also unter allen möglichen guten Tauschhandlungen genau diejenige statt, bei der beide Partner den größten Vorteil aus dem Tausch ziehen können. Mit keinem anderen Konkurrenten können sie einen für sich vorteilhafteren Tausch erzielen.

Jede einzelne Tauschhandlung führt zur augenblicklich größtmöglichen Verbesserung.

Nehmen wir an, daß ein allgemeines Tauschmittel, sprich Geld (oder z.B. Zigaretten), in Umlauf ist, so können wir von Anbietern, also solchen, die Güter für Geld feilbieten, und Nachfragern, also denen, die Geld für Güter anbieten, unterscheiden. Es ist wichtig festzuhalten, daß nicht nur die Anbieter konkurrieren, sondern auch die Nachfrager. Nicht nur kauft man als Nachfrager ein Gut dort, wo man es am billigsten bekommt, man verkauft es als Anbieter auch stets an den Meistbietenden. Dies ist vielen nicht mehr präsent, weil sie eine Gleichbehandlung aller Nachfrager durch Preisschilder gewöhnt sind und sich höchstens Auktionen als Beispiel für echte Nachfragerkonkurrenz denken können. Dies ist die Ursache für den weit verbreiteten Irrglauben, daß Arbeit tendenziell unterbewertet sei, weil sich die Arbeiter untereinander und ihnen insgesamt die Arbeitslosen (Lohndrücker) eine unheilige Konkurrenz machten. Hier wird übersehen, daß auch die Unternehmen für Arbeit miteinander um die Wette bieten. Und das ist ein ganz wichtiger Punkt, sorgt es doch dafür, daß Arbeit möglichst produktiv genutzt wird. Nehmen wir einmal an, jemand finde einen Weg, mehr von einem bestimmten Gut mit weniger Arbeit zu erzeugen, so kann er bei niedrigeren Produktpreisen mehr für Arbeit bieten. Daher werden ihm die Arbeitskräfte zufließen, während unproduktive Stellen schlechter bezahlt werden oder einfach entfallen. Dieser Mechanismus löst das oben beschriebene Steuerungsproblem, Arbeit so zu verteilen, daß sie möglichst produktiv genutzt wird, denn wer sie am besten zu nutzen versteht wird am meisten für sie bieten können. Man sieht gleichzeitig, daß dieser Prozeß zu immer höherer Bezahlung von Arbeit führt, während alle anderen Güter im Preis sinken. Das ist übrigens nicht nur im Modell sondern auch in Wirklichkeit der Fall, und zwar weltweit.

Vom christlichen Ökonomen dürfen wir schon fordern, daß er uns einen Ersatz für diesen Mechanismus beschreibt. Selbst wenn alle Menschen bereit wären, auf göttliches Geheiß zu arbeiten, ohne einen persönlichen Vorteil zu erhoffen, so müßte doch die Arbeit noch möglichst effizient eingesetzt werden, was eine Bewertung ihrer Erzeugnisse in Relation zu anderen erfordert, die ihrerseits wieder die Art des Arbeitseinsatzes steuern muß. Wenn wir diese Steuerungsaufgabe nicht einem wohlwollenden göttlichen Wesen aufbürden wollen, braucht es ein Verfahren, mit dem wir Menschen das Problem lösen können. Dafür reicht jedoch eine noble, uneigennützige Gesinnung nicht aus. Solange die christliche Seite kein solches Verfahren angibt, sollten wir froh sein, daß Menschen auf ihren Vorteil bedacht sind. Denn so kann wenigstens der Markt funktionieren.

Unsere Arbeit wird bestmöglich genutzt, wenn von allen Gütern möglichst viel entsprechend unseren Bedürfnissen produziert wird. Der Markt löst das beschriebene Problem der Verwendung von Arbeit in diesem Sinne nicht optimal; das kann man beweisen. Der Markt bewirkt vielmehr, daß ein gewisser Teil unserer Arbeit darauf verwendet wird, die Produktivität zu erhöhen. Denn was wir für Arbeit gesagt haben, gilt allgemeiner. Da alle, Menschen wie Unternehmen, um alle Güter miteinander um die Wette bieten, bekommt das Gut immer derjenige, der am meisten damit anfangen kann. Im Falle eines Unternehmens ist sein Gebot natürlich durch den Gewinn beschränkt, den es aus der Nutzung ziehen kann. Das erzeugt einen Druck, alles inklusive Arbeitskraft immer besser zu nutzen, so daß Unternehmen für Verbesserungsvorschläge zu bieten bereit sind. Somit arbeiten einige Menschen genau an solchen Verbesserungen anstatt Güter, die Menschen wünschen, herzustellen. Das ist die Form, in der der Markt nicht optimal steuert. Doch wir haben natürlich mittel- und langfristig ein nicht geringes Interesse an diesem Nebeneffekt. Auch dafür sollten wir also vom christlichen Ökonomen einen soliden Ersatz fordern.

Abschließend möchte ich noch darauf hinweisen, daß die von mir kritisierten Ansichten keineswegs auf Christen beschränkt sind. Viele wohlmeinende aber unwissende Menschen glauben, daß sich Armut durch Umverteilung von Gütern beseitigen läßt, und fordern entsprechende Maßnahmen.


Friesische Blätter