Ein bescheidener Vorschlag, wie Hunger und Elend in der Welt gemindert und zugleich Glück und Wohlstand gemehrt werden könntenJonathan Geschwind Es gibt so viel Armut und Elend auf der Welt, daß wir es uns kaum vorstellen können und glücklich sein dürfen, fast täglich mit Bildberichten über diese Zustände unterrichtet zu werden. Milliarden von Menschen in allen Teilen der Welt leben in Armut, wohnen in Behausungen aus alten Brettern, haben niemals eine Schule besucht und sind allzuoft nur mangelhaft ernährt, so daß sie schon früh an banalen Krankheiten zu sterben fürchten müssen. Und wenn sie des Lohnes nur soviel, nämlich gerade genug, um wenige Jahre zu leben und gerade noch einen Haufen bedauernswerter Kinder zu zeugen, bekommen, für das Leisten härtester körperlicher Arbeit, die der Gesundheit nicht selten noch abträglicher ist als die mangelhafte und einseitige Ernährung, müssen sie noch dankbar sein. Denn allzu viele haben gar keine Arbeit und keinen Acker, den sie bestellen könnten; sie müssen hungern und - ohne eine Wahl zu haben - jedem folgen, der ihnen noch so wenig gibt oder verspricht, um Soldaten zu werden oder was immer ein Mensch in eines anderen Menschen Hand werden kann. Und selbst das ist nicht das schlechteste Los, das man ziehen kann: Viele Millionen müßen tatsächlich verhungern. Sie haben nichts, so daß sie darben müßen und schließlich sterben und am Ende nicht einmal den Geiern etwas hinterlassen können. Und selbst hierzulande, wo - durch die Augen unserer Ahnen betrachtet - Milch und Honig fließt (wenn auch nicht über alle in gleichem Maße und manchem nur als zweiter oder dritter Aufguß), verlieren zunehmend mehr Menschen ihre Wohnung und fallen ins Elend. Nur hungern muß hierzulande noch keiner - weiß der Teufel, vielleicht gar nur, weil es den vielen Glücklichen zu viel Mühe wäre, gegen eine Heerschar Verhungernder zu verteidigen, was sie so reichlich haben, daß sie es kaum unterbringen können. Zweifellos: Gott hat kurios geteilt, was er uns gegeben hat. Aber mag er sich gedacht haben, was er will und wir sowieso nicht ergründen können; es ist jedenfalls kein schönes Bild für einen Menschen, einen anderen im Unglück zu sehen. Und noch weniger schön ist das Elend der anderen anzuschauen, wenn man selbst allzu wohl lebt. So berührt uns das Elend der andern also, wenn doch nicht wegen der Moral, mit der wir Gebildeten umzugehen recht gelernt haben, so doch wenigstens wegen der Ästhetik, die Menschen von Kultur (die auch mit allem übrigen schon gut versorgt sind) doch immer anzustreben pflegen. Und so gibt es wohl niemanden, der nicht seine besten Wünsche einer Unternehmung mit auf den Weg geben würde, die geeignet wäre, Armut und Elend auf der Welt um ein Beträchtliches zu mindern. Ja, ganz sicher wäre der aufrichtige Dank aller, nicht nur der Armen der Welt, dem gewiß, der dies vollbrächte. Und dies begründet meine Hoffnung, mit dem folgenden Vorschlag Gehör und schließlich auch Unterstützung zu finden, um gegen Hunger und Elend siegreich zu Felde ziehen zu können. Doch mein Vorschlag zielt noch weiter. Sollte er sich allgemeiner Zustimmung erfreuen dürfen, wären nicht nur Armut und Elend gemindert, sondern auch vielen Tausenden, ja Millionen von Kranken Gesundheit gebracht und außerdem noch Wohlstand und Glück in allen Ländern der Welt vermehrt. Übrigens liegt mir nichts ferner, als für die Armen der Welt um Almosen zu bitten, wohl wissend, wie sehr das Empfangen von Wohltätigkeiten eines Menschen Stolz verletzen kann, warum es uns allen ja wohl so schwer fällt, denen zu geben, die unsere Hilfe so nötig brauchen. Nein! Einem Menschen ist recht geholfen, wenn er sich selbst hilft - was er kann, wenn wir ihn nur lassen. Denn was mein Vorschlag verlangt, ist nicht mehr, als gewisse Gesetze und Anschauungen aufzugeben, die heute noch mit bemerkenswerter Wirksamkeit die Armen der Welt hindern, ihr Auskommen zu finden - obwohl sie dies könnten, und zwar zum Wohle aller, soweit wir sie nur nicht daran hinderten. Vor einigen Monaten hatte ich das seltene Glück, einen der wenigen heute noch existierenden Wirtschaftspioniere kennenzulernen und mit ihm ins Gespräch zu kommen. Dieser Mann hat es sich zur Aufgabe gemacht, allen Gesetzen und Anfeindungen zum Trotz den Armen der Welt den Handel mit dem, das selbst sie immer noch anzubieten haben, z.B. ihren inneren Organen, zu ermöglichen, indem er ihre Waren an Menschen vermittelt, denen es an gesunden Organen, nicht aber an Geld mangelt, und zwar nicht unentgeltlich, um nicht die einen oder die anderen in Verlegenheit zu bringen, was ihm ein jeder hoch anrechnen wird, wie ich überzeugt bin. Tatsächlich besteht, wie Experten zu versichern niemals müde werden, ein immenser Bedarf an inneren Organen jeder Art und Größe. Viele Menschen müßen, weil wir versäumen, daß Richtige zu tun, sterben oder - ihr Leben an Maschinen fristend - langsam dahinsiechen, obwohl ihnen leicht geholfen werden könnte, was, man mag es kaum glauben, die Behandlungskosten sogar senken würde. Auf der anderen Seite gibt es viele Bedauernswerte auf der ganzen Welt, zunehmend aber auch in unserem Lande, die sich in größter Armut befinden, in menschenunwürdigen Verhältnissen leben, an Krankheiten, derer sich zu erwehren oft nur etwas Geld erfordert, oder gar Hungers sterben, obwohl sie doch die größten Kostbarkeiten in sich tragen, die sie selbst oft gar nicht benötigen oder allzu oft und viel zu früh zu Grabe tragen, wo sie wirklich niemandem mehr nützen, außer vielleicht den Seifensiedern (wiewohl auch das eine große Verschwendung wäre). Unter Fachleuten herrscht Einigkeit, daß ein Mensch, wenn er vorher nur in einen guten Zustand versetzt werde, ohne weiteres eine Niere und einen Lungenflügel entbehren könne. Bei den heute besonders für Nieren zu erzielenden Preisen kann ein armer Mensch von dem Erlös durchaus viele Jahre leben und sicher noch seine Familie mit durchbringen. Nun gibt es aber einen, wie ich zugeben muß, bedenkenswerten Einwand gegen meinen Vorschlag. Zwar, so erklärte man mir, sei daß Geschäft für den Verkäufer des Organs durchaus lohnend, aber nur bei den heutigen Preisen, die aber aufgrund gewisser Marktmechanismen sicher rasch fallen würden, so daß man am Ende vielleicht in allergrößter Not ein Organ gegen einen allzu geringen Preis verkaufen und doch weiter in größter Armut leben muß. Dem könnte ich entgegenhalten, daß ja aber niemand gezwungen werden soll, ein Organ zu veräußern. Jeder kann, wenn ihm zuwenig geboten wird, freiwillig die Alternative des Verhungerns wählen. Aber ich muß gestehen, daß ein solcher Preisverfall zumindest verhindern würde, daß Armut und Elend gemindert werden. Ich hielte es darum für empfehlenswert, eine Mindestpreis-Regelung einzuführen, ähnlich den Honorarbestimmungen, denen Freiberufler und ihre Klienten in der Bundesrepublik bereits heute unterworfen sind. Damit sollte dann auch der hartnäckigste Kritiker zufriedengestellt sein. An dieser Stelle möchte ich außerdem darauf hinweisen, daß nach Durchführung meiner Vorschläge bald unzählige findige Zeitgenossen ihre Verbesserungsvorschläge machen werden, so daß die von mir in Aussicht gestellten Effekte sicher noch übertroffen werden können. Im übrigen sind aber die Armen der Welt nach der Veräußerung ihrer überflüssigen Organe noch lange nicht am Ende. Es gibt noch mehr, dessen sie zu viel und andere zu wenig haben. Ist nicht oft und zu Recht beklagt worden, daß gerade die Mittellosen zu viele Kinder haben? Und gibt es nicht auf der anderen Seite viele Menschen, die trotz vieler Mühen kinderlos bleiben und bereit wären, große Summen für die Erfüllung ihres Kinderwunsches zu bezahlen? Es liegt doch nichts näher, als beiden nützen zu wollen, die einen mit Kindern zu beglücken und die anderen von diesen zu befreien und ihnen gleichzeitig auf diese Weise ein zusätzliches und nicht unbeachtliches Einkommen zu verschaffen. Von solchem Handel profitieren nicht nur die Verkäufer und die Käufer der Waren, sondern auch die Allgemeinheit. Die so zu bescheidenem Wohlstand kommenden Verkäufer werden mit ihrem Geld viele nützliche Waren einkaufen und so die Wirtschaft ihrer Heimatländer beleben. Auch auch für die Käufer ist der Handel lohnend, nämlich eine lohnende Investition, die schon bald Gewinne nach sich zieht. Es nicht nur unangenehm, sondern auch verdammt teuer, ein Nierenleiden oder ähnliches zu haben. Einerseits sind die Behandlungskosten immens, andererseits sind die Kranken trotz dieser Behandlung meist nicht mehr voll erwerbsfähig, was erhebliche Einnahmeausfälle verursachen kann. Wenn der Handel erst in Schwung kommt, wäre eine vernünftige Infrastruktur aufzubauen. Schließlich kann man ein Organ nicht entnehmen wie eine Taschenuhr und dann mit der Post verschicken. Zunächst müßen die Verkäufer in einen guten Zustand gebracht werden. Ich schlage vor, für diesen Zweck vor Ort spezielle Erholungszentren einzurichten, bei denen dann auch die verkäuflichen Kinder versammelt werden könnten. Nach erfolgter Vermittlung eines Kindes, respektive Organs erfolgt dann die Abholung durch den Empfänger. Und wenn wir eine vernünftige Infrastruktur in den entsprechenden Ländern erst aufgebaut haben, können wir diese durch eine kleine Erweiterung gleich zu einem weiteren Zweck nützen. Schon seit langem vermissen wir schmerzlich Möglichkeiten, Medikamente und andere Erzeugnisse der chemischen Industrie am Menschen selbst zu erproben und ihre Unbedenklichkeit (oder das Gegenteil) festzustellen. Bis dato erfordert es sehr umständliche und aufwendige Verfahren, herauszufinden, ob ein Medikament sich für Menschen eignet oder ob ein Kosmetikartikel physiologisch unbedenklich ist. Wenn wir aber, wie oben beschrieben, erst eine brauchbare Infrastruktur aufgebaut haben, würde es sich doch anbieten, Freiwillige gegen ordentliche Bezahlung als Testpersonen zu beschäftigen. So ließen sich die umstrittenen Tierversuche reduzieren; vor allem aber sind die Versuche an Menschen sehr viel aussagekräftiger. Das also ist mein Vorschlag. Ich bin sicher, überzeugende Argumente für ihn geliefert zu haben. Aber denen, die noch immer zweifeln, möchte ich noch besonders versichern, daß ich selbstverständlich die vielen anderen wohlmeinenden Ratschläge zur Bekämpfung des Elends in der Welt nicht ignoriert habe. Groß ist ja die Zahl der leidenschaftlichen Weltverbesserer am grünen Tisch, die sich vollkommen unentgeltlich ihren Kopf über das Elend der Welt zerbrechen und die bestgemeinten Vorschläge für seine Beseitigung machen. Da wird gefordert, unsere Nahrungsmittelüberschüsse in Hungergebiete zu verfrachten, beliebige Mengen Geld zu überweisen oder den Welthandel gerechter zu gestalten, d.h. freiwillig mehr für Kaffee und Bananen zu bezahlen, als wir müßten. Aber alle diese Vorschläge, so freundlich sie auch gemeint sind, taugen doch nichts, weil immer nicht gründlich genug erwogen ist, wie sie in die Realität übertragen werden sollen. Zuviele Hindernisse sind zu überwinden, als daß das Problem einigermaßen elegant gelöst werden könnte. So darf z.B. die Lösung des Problems nichts kosten, weil erfahrungsgemäß keine nennenswerte Summe aufzubringen sein wird. Auch ist zu bedenken, daß die politischen Verhältnisse in jenen Ländern oft alles andere als günstig sind, daß Militaristen und Aristokraten jedes Mittel einzusetzen bereit sind, um ihre wirtschaftliche und politische Macht zu behaupten. Wenn wir aber keinen anderen brauchbaren Vorschlag zur Minderung der Armut in der Welt haben, wie können wir dann den Elenden verbieten wollen, das ihnen mögliche zu unternehmen, sich selbst zu helfen, wenn sie es für richtig halten, was es, lassen wir die selbstgestrickten ethischen Vorurteile einmal beiseite, tatsächlich und von einem objektiven Standpunkt betrachtet auch ist - und dabei noch zu unser aller Wohl, so daß uns schon unsere Vernunft geböte, jeden Widerstand zurückzuhalten. Das ist viel mehr als man von den früher gemachten Vorschlägen behaupten könnte. Es rede mir also niemand von großer Mildtätigkeit oder ähnlichen Mitteln, die Not zu beheben, bevor es nicht wenigstens einen Schimmer von Hoffnung gibt, daß jemals ein wirklich aufrichtiger und auch tauglicher Versuch in dieser Richtung tatsächlich unternommen wird. Mancher wird meinen Vorschlag noch immer ablehnen wollen. Wir, die wir mit dem nötigsten versorgt sind, würden selbstverständlich weit von uns weisen, als Tester für Medikamente zu arbeiten, unsere Nieren oder unsere Kinder zu verkaufen. Aber manch einem mag diese Alternative besser erscheinen, als zu verhungern. Es wäre doch kaum fair, jemandem zu versagen, sein Leben zu retten oder doch wenigstens erst lebenswert zu machen, weil es unser ästhetisches Empfinden stört, wie er es macht. Natürlich verkauft kein Mensch gerne seine Kinder, und niemand wird sich leichten Herzens ausweiden lassen. Allein, es ist vollkommen falsch, anzunehmen, man tue den Betroffenen etwas Gutes, wenn man sie mit gesetzlicher Gewalt daran hindert; denn die ihnen dann verbleibende Alternative ist zweifellos noch unangenehmer und - um auch einmal die Menschenwürde erwähnt zu haben - unwürdiger, sonst würden sich wohl kaum Freiwillige finden. Wer meinen Vorschlag aus moralischen Gründen ablehnt, versucht doch nur, auf Kosten der Armen, denen sich hier vielleicht ein Ausweg aus verzweifelter Lage bietet, sein Gewissen und seinen Magen zu beruhigen, weil die Lage wie sie jetzt ist, ihm weniger Kummer und Qual bereitet, obschon es für alle tatsächlich die schlechtere Lösung ist. Was ich fordere, ich wiederhole es nocheinmal, ist nichts, als das jeder frei entscheiden soll, ob er meinen Vorschlag annehmen will. Mag jeder frei für sich selbst entscheiden, was für ihn gut ist. Und immer bleibt es selbstverständlich den peinlich berührten Moralisten und Ästheten der reichen Nationen belassen, das Los der Armen dieser Welt so zu verbessern, daß sie nicht mehr den Drang verspüren, ihr wirklich letztes zu geben. Aber auf solche Mildtätigkeit haben wir nun lange genug gewartet und sollten klug genug sein, nicht noch mehr kostbare Zeit damit zu vertun. |