Nachrichtensendungen sind nutzlos und schädlichThom Berenz Nachrichtensendungen wie die Tagesschau oder RTL aktuell erfreuen sich großer Beliebtheit und werden von vielen Menschen für sehr wichtig gehalten. Die Behauptung, daß sie in der Form, wie sie heute angeboten werden, erstens nutzlos und zweites sogar schädlich sind, wird zunächst kaum mehr als Unverständnis hervorrufen. Ich hoffe jedoch, mit den folgenden Ausführungen dieses Unverständnis in uneingeschränkte Zustimmung verwandeln zu können. Menschen lieben keine Überraschungen. Ein kluger Mann hat einmal festgestellt, daß Menschen keine Überraschungen lieben. Tatsächlich ist die vielzitierte Neugier des Menschen nichts anderes, als das Bemühen, Überraschungen zu vermeiden. Die Überraschungen, die einige von uns so sehr lieben, sind keine richtigen Überraschungen, sondern nur Annehmlichkeiten unklarer Ausprägung. Menschen sind neugierig. Menschen leben in einer potentiell gefährlichen Umgebung. Das war schon immer so. Darum hat sich bei der menschlichen Art (und auch bei vielen Tierarten) die Neugier, das Bestreben, unangenehme Überraschungen durch Erforschen der Welt zu vermeiden, durchgesetzt. Dieses Bestreben äußert sich heute unter anderem in der Gier nach Informationen aus aller Welt. Wir wollen alles wissen, vor allem alles Unangenehme, das uns selber droht oder auch nur zu drohen scheint - nach dem Motto: "Gefahr erkannt - Gefahr gebannt!" Menschen erfreuen sich nicht an schlechten Nachrichten. Daß so.viele Menschen Meldungen über Mord, Totschlag und Naturkatastrophen so stark zuneigen, ist wohl eher dem unreflektierten Urtrieb der Neugier zuzuschreiben als der Gier nach unterhaltender Sensation und Nervenkitzel. Die meisten Menschen fühlen sich keineswegs wohl, wenn sie Tod und Verderben in den Nachrichten sehen. Viele von ihnen lehnen Tod und Verderben als Thema von Spielfilmen sogar entschieden ab. Die Auswahl der Nachrichten ist nicht rational geleitet. Die meisten Menschen reflektieren ihr eigenes Informationsbedürfnis nur mangelhaft. Sie erwägen die Wichtigkeit von Nachrichten und Informationen nicht rational, sondern schätzen intuitiv solche Nachrichten als wichtig ein, die von Gefahren handeln, durch die sie sich - bewußt oder unterbewußt - bedroht fühlen. Seriösere Nachrichten sind in dieser Hinsicht eher uninteressant, denn sie unterschlagen viele der intuitiv für wichtig gehaltenen Informationen. Instinktgeleitete Nachrichten-Auswahl ist nicht zeitgemäß. Das Verhalten, bestimmte, intuitiv für wichtig gehaltene Informationen zu bevorzugen, ist nicht mehr zeitgemäß. Als noch alle Menschen zu Fuß waren und noch jedes Problem relativ unkompliziert mit der Hand oder einfach durch Fortlaufen zu lösen war, ist es wohl adäquat gewesen, alle für wichtig gehaltenen Informationen zu sammeln und auf dieser Grundlage Handlungsanweisungen zu entwickeln. Doch heute sind die an uns gestellten Anforderungen ganz andere. Menschen gehen heute nicht mehr zu Fuß, Probleme werden heute nicht mehr mit bloßen Händen gelöst, und Informationen tragen heute weiter und schneller als unsere Stimme oder Buschtrommeln es jemals getan haben. Gefahren sind nicht mehr dieselben wie einst, sondern viel komplizierter und vielfältiger. Darum können Nachrichten über konkrete, singuläre Ereignisse nicht mehr wie einst als Grundlage für die Bewältigung von Gefahren dienen. Wenn ich einen hungrigen Löwen sehe, kann ich weglaufen und die Information an andere weitergeben, damit auch jene fortlaufen. Wenn ein Jäger unter einen herabstürzenden Felsen gerät, können die übrigen das Dorf benachrichtigen, um Verstärkung für die Hebung des Felsens und die Bergung seiner Ausrüstung anzufordern. Die heutzutage verbreiteten Nachrichten haben im wesentlichen dieselbe Qualität wie die vom nahenden Löwen oder dem Jagdunfall. Aber diese Art von Nachrichten hilft uns überhaupt nicht, die räumlich und sächlich weitreichenden Probleme unserer Zeit zu lösen. Welche Konsequenzen sollte es für uns haben, wenn in Kenia ein Bus mit dreißig schwangeren Frauen in einen Fluß stürzt oder in Australien ein Kindergarten abbrennt? Was zeitgemäße Nachrichten zu leisten haben: Die Welt von heute ist sehr kompliziert. Es gibt kaum noch Probleme, die sich durch Weglaufen, mit der Keule oder einem freundlichen Grunzen lösen lassen. Tatsächlich sind viele Menschen sich gar nicht darüber klar, wie Probleme heutzutage überhaupt gelöst werden. Die simplifizierenden Vorstellungen eines Normalbürgers von Politik verfangen ganz und gar nicht und müssen schließlich enttäuscht werden, was einer der Gründe für die inzwischen auch bei uns sich verbreitende Politikunlust ist. Auch fehlt den meisten jedes wirkliche Verständnis der naturwissenschaftlichen und ökonomischen Probleme unserer Zeit. Sogar Journalisten erweisen sich immer öfter als erschrekkend inkompetent und unfähig, den meistenteils noch ahnungsloseren Konsumenten ihrer Nachrichten schwierige Materie zu vermitteln. Zeitgemäße Nachrichten müßten die Empfänger von Nachrichten in die Lage versetzen, gezielt ihre Interessen gegenüber ihrer Umwelt zu vertreten. Es muß erkannt und konzeptionell verarbeitet werden, daß nicht alle Nachrichten wirklich wichtig sind und daß selbst wichtige Nachrichten erst dann wirklich wertvoll werden, wenn sie genau, umfassend, grundlegend und im Zusammenhang berichten und auch die verschiedenen Möglichkeiten adäquaten Handelns gleich mitliefern. Es kommt darauf an, beim Empfänger der Nachrichten ein möglichst realistisches Bild von der Welt zu erzeugen, vor allem aber die Ausschnitte besonders zu beleuchten, die für ihn tatsächlich problematisch sind, auf eine Weise, die ihm zeigt, inwiefern problematisch und vor allem nicht, ohne ihm Hinweise zu geben, in welchen Wirkungszusammenhängen das beleuchtete Problemfeld steht, das heißt, was zu tun ist, um von ihm gewünschte Ziele anzusteuern. Unzeitgemäße Berichterstattung hat Folgen. Die Zahl der in der Bundesrepublik verübten Gewaltverbrechen ist seit Jahrzehnten (und bis etwa 1990) rückläufig. Das ist eine Tatsache. Wenn sie die amtlichen Unterlagen anfordern oder kompetente Fachleute fragen, werden diese es bestätigen. Den meisten Menschen aber bietet sich regelmäßig ein anderes Bild. Insbesondere wer sich regelmäßig durch RTL-aktuell oder die Action-News informiert, wird das Gegenteil erwartet haben und überzeugt sein, daß die Zahl der Morde, Vergewaltigungen und Kindesmißhandlungen heute um ein vielfaches höher ist, als vor der Zulassung privater TV-Sender. Ich habe erlebt, daß Leute mich, kompetente Experten und die amtliche Statistik zu Lügnern erklärt haben, weil sie lieber ihrer privaten Statistik auf der Grundlage von RTL-aktuell vertrauen. Wer aber annimmt, daß die Zahl der Gewaltverbrechen stetig stark ansteigt, nur weil darüber immer häufiger und ausführlicher berichtet wird, der muß folgerichtig annehmen, daß die Politik versagt hat und besondere Maßnahmen fordern, auf die ich hier nicht weiter eingehen möchte. Übrigens wird auch die Menschheit in absehbarer Zeit nicht untergehen. - Es gab und gibt viel Umweltzerstörung und auch in Zukunft wird viel von dem zerstört werden, was Jahrtausende und länger Bestand hatte. Aber selbst die Klimakatastrophe und das Ausdünnen unseres Ozon-Schildes werden die Erde keineswegs unbewohnbar machen. Es sind einige Unannehmlichkeiten zu befürchten, und es gibt keinen Grund, die Probleme zu verharmlosen. Aber es gibt auch keinen Grund, die Lage zu dramatisieren und den Eindruck zu vermitteln, unsere Regierungen wären vollkommen tatenlos und der Untergang der Menschheit nicht mehr zu verhindern. Trotzdem präsentieren inkompetente Reporter, die gar nicht in der Lage sind, die von ihnen berichteten Ereignisse und Forschungsergebnisse richtig einzuschätzen, ihrem Publikum immer neue Indizien für den drohenden Untergang. Natürlich wissen die meisten, daß sie eigentlich keinerlei Ahnung von dem haben, was nach ihrer Meinung so bedrohlich ist. Aber das hält sie leider nicht davon ab, blödsinnige Ansichten zu vertreten. Tagtäglich erreichen uns die verschiedensten Nachrichten aus aller Welt. Aber zu welchem Zweck? Wer könnte aufgrund der Nachrichten, die ihn zuhauf erreichen, erklären, was beispielsweise im Libanon vor sich geht oder im ehemaligen Yugoslavien. Jeder durchschnittliche Nachrichtenkonsument muß doch annehmen, daß die Leute dort einfach verrückt sind und ohne guten Grund versuchen, sich gegenseitig umzubringen, obwohl das natürlich Unsinn ist. Wochenlang folgten wir Tag für Tag der Berichterstattung über den zweiten Golfkrieg - nur um immer wieder aufs
neue festzustellen, daß wir in Wirklichkeit nichts erfahren. Ein zeitgemäßes Konzept der Berichterstattung: So unzeitgemäß das auch sein mag, werde ich mich nicht davor drücken, meiner Kritik ein konstruktives Moment zu geben: Wir müssen unseren Verstand benutzen, um unsere Intuitionen, die den Anforderungen nicht immer entsprechen, zu kontrollieren und nötigenfalls vernünftige Alternativen zu entwickeln. Gefordert ist ein neues Berichterstattungskonzept - aber auch ein neues Verbraucherverhalten; denn die traurigen Zustände, denen dieser Artikel zugedacht ist, sind durch nichts anderes als das falsche Verhalten der Verbraucher so erfolgreich, daß kein Anbieter von Nachrichten über Alternativen nachdenken muß. Nicht alle Informationen sind für uns gleich wichtig. Wenn in China ein Sack Reis umfällt oder in Südamerika ein Militärregime einem anderen folgt, ist das nicht akut von Interesse für uns. Wenn in Indien ein Bus in einen Fluß stürzt oder in Japan ein Flugzeug neben eine Landebahn, müssen wir das nicht wissen. Ebensowenig von Interesse sind Morde, Kindesentführungen und Banküberfälle. Das alles sind Nachrichten, die uns einfach nichts angehen. Sie haben nichts mit uns zu tun. Natürlich kann man weiterhin darüber berichten. Niemand wird RTL und SAT 1 daran hindern. Aber es sollte wenigstens eine Nachrichtensendung auf jedem Kanal (und eine Reihe von Zeitungen) geben, die berichten, was uns wirklich betrifft. Außerdem sollte eine Art der Berichterstattung gewählt werden, die uns wirklich ins Bild setzt. Gelegentliche Meldungen über Verkehrsunfälle, Zugunglücke und Flugzeugabstürze helfen uns aber nicht weiter - ebensowenig wie Horrormeldungen von Gewalttaten. Wer politisch und privat angemessen, d.h. im Sinne seiner persönlichen Präferenzen handeln will, braucht ein genaues, umfassendes, grundlegendes und im größeren Zusammenhang stimmiges Bild von den Angelegenheiten, die ihn angehen. Ergo sollten Nachrichten über singuläre Ereignisse vollständig hinter aufschlußreiche Hintergrundberichte und allgemeine Einführungen mit statistischen Überblicken zurücktreten. Nachrichten sollten zur Ergänzung der Überblicksberichte regelmäßig nachgereicht werden - aber niemals täglich. Kaum ein Mensch, schon gar keiner, der zur Nachrichtenbeschaffung auf öffentlich zugängliche Quellen angewiesen ist, hat die Gelegenheit, diese Informationen unmittelbar zu verwerten. Oft muß er, bis er reagieren kann, die nächste Wahl abwarten. Darum wäre es besser, wichtige Meldungen aus ein, zwei oder drei Wochen zu sammeln, zusammenzufassen und dann über eben diesen Zeitraum ständig zu wiederholen. Denn wenn es wichtig ist, sollte es ja wohl auch jeder mitbekommen. - Man wird sehen, daß es gar nichts ausmacht, eine Meldung mit drei Wochen Verspätung zu erhalten. Allenfalls in Ausnahmefällen ist es wichtig, eine Nachricht sofort weiterzuleiten, z.B. im Falle einer weiteren Kernschmelze. Die Durchsetzung dieses besseren Nachrichtenkonzeptes erfordert neben einem veränderten, einfach vernünftigeren Verbraucherverhalten gesetzliche Regelungen. Realistischerweise kann man nicht erwarten, daß sich das Konzept in der notwendigen Reinheit von selbst durchsetzt. Und andererseits rechtfertigen die zu erwartenden Effekte der effektiveren Steuerung des Gemeinwesens durch aufgeklärte Bürger, alle Rundfunksender, Tageszeitungen etc. zu entsprechenden Maßnahmen zu verpflichten. Dabei muß man gar nicht besonders weit gehen. Es würde vielleicht reichen, wenn jeder Sender zur besten Sendezeit für eine entsprechend gestaltete Sendung etwa 45 Minuten Sendezeit zur Verfügung stellt oder nach entsprechenden Richtlinien selbst ausfüllt. Im übrigen bliebe es natürlich allen belassen, während der verbleibenden Zeit Berichterstattung nach alter Art zu betreiben. Wer sich durch Sportnachrichten, Katastrophenmeldungen oder Gesellschaftsberichterstattung unterhalten fühlt, soll ruhig seinen Spaß haben; er muß nur wissen, daß die alte Art von Nachrichtensendung nicht mehr ist, als ein Zerrbild der Wirklichkeit. |