Klarheit, Tiefe und Philosophie

Christian Sonneberg

Als ich vor einiger Zeit mit einem guten Freund über die auffälligen Unterschiede zwischen deutscher und angelsächsischer Philosophie plauderte, erklärte mir dieser, es gebe in Angelsachsien und Deutschland gewisse Werte, an denen sich die Philosophen und ihre Kritiker orientierten; in England sei das die "Klarheit", das Bemühen, ein Höchstmaß an Verständlichkeit anzustreben und zwar sowohl inhaltlich als auch formal, in Deutschland sei der entsprechende Wert die "Tiefe", was auch immer das bedeuten mag - die Bedeutung des Wortes "Tiefe" in diesem Zusammenhang ist bezeichnenderweise ebenso unklar wie die idealistische deutsche Philosophie.

Bemerkenswert ist, daß beide Werte, wenn sie zu den bestimmenden Orientierungspunkten gemacht werden, in genau entgegengesetze Richtungen zu führen scheinen. Klarheit anzustreben ist in vielerlei Hinsicht überaus nützlich. Es dient der Wahrheitsfindung und dem Verständnis. Außerdem fördert es das logische Denken und die Fähigkeit, vernünftig zu denken und zu handeln. So kann Philosophie ein nützliches Instrument sein, den Verstand zu schulen und fit zu halten, wenn der Gegenstand des Philosophierens ein metaphysischer ist. Ist der Gegenstand gar von praktischer Bedeutung, wie etwa Fragen der Moral, kommt ein erheblicher praktischer Nutzen hinzu. Das Gegenteil gilt für die nach "Tiefe" strebende Philosophie.

Die Philosophen der Tiefe und ihre Anhänger erinnern an den modernen Kunstbetrieb. Es gibt kein objektives Kriterium, das es erlauben würde, ihre Art von Philosophie zu beurteilen. Meist sind ihre Prämissen unklar oder absurd. Gelegentlich ersetzen sie Logik durch ein angeblich alternatives Schlußverfahren (Dialektik), daß sich aber im wesentlichen durch nichts von Willkür unterscheidet und daher auch nicht anders genannt werden sollte.

Während Philosophen der Aufklärung gemeinsam versuchen, jede Willkür auszuschließen, die Wahrheit zu finden und jeden Schritt der vermeintlichen Annäherung an sie als einen Sieg über Unwissenheit und Unvernunft zu feiern, sind Philosophen mit genuin deutscher Tiefe einsame Streiter, tragische Helden und jedesmal aufs neue mit einem kompletten Satz privater Wahrheit und Welterkenntnis ausgestattet. Hegel war nicht der erste Allwissende und Marx war nicht der letzte, der ähnlich fernöstlichen Gurus die absolute Wahrheit verkündete und gläubige Jünger um sich versammelte - in Ermangelung wissender Mitstreiter.

Natürlich sind nicht diese seltsamen Philosophen allein das Problem. Erscheinungen wie diese müßen genährt werden. Wer nicht ganz und gar wahnsinnig ist, braucht gelegentlich etwas Bestätigung um fortgesetzt auf Blödsinn bestehen zu können. Doch dieses Problem ist keines in einem Land wie Deutschland. Hierzulande findet jeder, der nur absurd genug ist, Anhänger zuhauf, die bereit sind, sich gegenseitig ihren letzten Rest Verstand in inhaltslosem Gewäsch zu ertränken.

Es gibt übrigens eine interessante Erklärung für diesen beklagenswerten Zustand der deutschen Philosophie. Während in England das Bürgertum rasch ökonomisch und politisch an Macht gewann und die Philosophie einen Emanzipationsprozeß begleitete, scheiterte das deutsche Bürgertum wiederholt und resignierte schließlich. Die einen, vor allem das Großbürgertum, biederten sich dem Adel an und agierte antiliberal und antiaufklärerisch, der andere Teil zog sich von der Politik zurück und entkleidete alle politischen Fragen ihres politischen Charakters - so paradox das klingen mag. Beide Richtungen haben in der deutschen Philosophie ihre Spuren hinterlassen. Ein Beispiel für die eine Richtung ist Hegel, der behauptete, daß der preussische Staat Höhepunkt und Ende der geschichtlichen Entwicklung sei, ein Beispiel für die andere Richtung ist Nietzsche, über den wohl schon genug gesagt ist.

Es sei aber nicht verschwiegen, daß sich die deutsche Philosophie seit einiger Zeit im Wandel befindet. Deutsche Philosophen wirken wieder im Geiste der Aufklärung und - in diesem Sinne - in der Tradition Kants (der allerdings auch nicht immer Recht hatte). Doch die "Konsumenten" von Philosophie neigen immer noch mehr zu typisch deutschen Denkern und ihren Werken wie Heidegger und seiner "Philosophie des Nichts":

"Erforscht werden soll das Seiende nur und sonst - nichts; das Seiende einzig und darüber hinaus - nichts. Wie steht es um dieses Nichts? -- Gibt es das Nichts nur, weil es das Nicht, d.h. die Verneinung gibt? Oder liegt es umgekehrt? Gibt es die Verneinung und das Nicht nur, weil es das Nichts gibt? -- Wir behaupten: Das Nichts ist ursprünglicher als das Nicht und die Verneinung. -- Wo suchen wir das Nichts? Wir finden wir das Nichts? -- Wir kennen das Nichts. -- Die Angst offenbart das Nichts. -- Wovor und warum wir uns ängsteten, war ,eigentlich' - nichts. In der Tat: das Nichts selbst - als solches - war da. -- Wie steht es um das Nichts? -- Das Nichts selbst nichtet." (M. Heidegger, Was ist Metaphysik? 1929)


Friesische Blätter