Abwarten und Tee trinken?

Thom Berenz

Geschätzter Leser,

den folgenden Brief habe ich, in einer geringfügig abweichenden Fassung, Ende 1991 einem Freund geschrieben und nun beschlossen, die darin enthaltenen Fragen an einen größeren Kreis zu richten.

Bester Freund,

ich hoffe Du hast nicht allzulang auf Nachricht von mir gewartet. Ich bin zur Zeit sehr beschäftigt und kaum in der Lage auch nur fünf Minuten zu erübrigen und leider gerade heute, wo ich Zeit habe einen Brief zu schreiben, ziemlich wütend.

Vor einigen Tagen kam ich zufällig mit einem der anderen Gäste ins Gespräch und schnell waren wir beim Thema No. 1 dieser Tage - dem Krieg in Yugoslawien. Mit Erstaunen mußte ich zur Kenntnis nehmen, daß mein Gegenüber meine Beurteilung der Lage, die im wesentlichen darin bestand, der serbischen Regierung und der Militärführung die Schuld zu geben und es für angebracht zu halten, die Kroaten in ihren Verteidigungsbemühungen tatkräftig zu unterstützen, nicht teilte; im Gegenteil: in engagierter, also armrudernder (etc. etc.) Weise führte er aus, meine Beurteilung sei nicht angemessen, schwarz-weiß-betrachtet usw.

Ich hätte ihn erwürgen können. So eine Ungerechtigkeit! Jedes Kind weiß doch, daß die Serben reißende Bestien sind weil sie soviel Paprika essen (oder waren das die Ungarn?) und überhaupt. Die Kroaten dagegen haben schon im zweiten Weltkrieg auf der richtigen Seite gekämpft: erstens gegen die Serben und zweitens für die westliche Wertegemeinschaft. Nur Schade, daß man das - wie auch im Falle Deutschlands - zu spät erkannt hat.

Aber Spaß beiseite! Du weißt, ich bin der Vernunft verpflichtet und somit nicht nur um Gerechtigkeit und Wahrheit bemüht, sondern auch sehr empfänglich für Kritik. Also keimte Zweifel in mir auf, gerade so wie Charles Peirce es in seinem Aufsatz "Wie wir zu Überzeugungen gelangen" so treffend beschrieben hat - wenn er auch nicht darauf hinwies, welches Ausmaß die durch den Zweifel verursachten Seelenqualen haben können. Ich aber weiß es! Fast eine Woche konnte ich an nichts anderes denken als an den Krieg in Kroatien und erforschte unermüdlich jede noch so abwegige Möglichkeit dem von mir gezogenen Schluß auszuweichen - selbstverständlich ohne Erfolg.

Mißmutig dachte ich daran, was wäre, wenn wir in unseren Land einmal Hilfe bräuchten und das Ausland nur mit bornierten Vollidioten bevölkert wäre, die fest überzeugt sind, Recht und Unrecht sei überhaupt nicht deutlich genug zu unterscheiden um im Sinne der Gerechtigkeit handeln zu können. Natürlich ist es oft nicht leicht, zu entscheiden was richtig ist. Aber ist es unmöglich? Sollte nicht versucht werden, einen gerechten Kompromiß zu finden? Wird es zu einem gerechten Kompromiß kommen, wenn man zusieht und nichts tut?

Dann kam die Erlösung. Es war eine Äußerung Hans-Dietrich Genschers, des deutschen Außenministers, die so klar, eindeutig und reich an Gehalt war, wie wir es von ihm überhaupt nicht kennen. Genschers Meinung ist, daß die serbische Führung aus Verbrechern besteht, die einen Krieg vom Zaun gebrochen haben um Land zu gewinnen, das ihnen nicht gehört.

Diese Meinung wurde durch die Aussagen einer Kroatin im Fernsehen voll bestätigt. Sie führte aus, der Systemwandel hin zur Demokratie habe sich bisher lediglich in Slowenien und Kroatien wenigstens halbwegs vollzogen, nicht im dominierenden Serbien. Die einzige Möglichkeit, sich aus der ideologischen und ökonomischen Umklammerung der serbischen Führung zu befreien, war die Separation. Ein Unternehmen, dem ich, der ich ja selbst Separatist aus Leidenschaft und notfalls gegen die Vernunft bin, grundsätzlich Sympathien entgegenbringe.

Die serbische Führung hat im Falle Sloweniens noch sehr vernünftig reagiert. Sie hat schnell erkannt, daß ein Erhalt der staatlichen Einheit kaum möglich sein würde. Also wurde Slowenien nach einer kurzen und halb verunglückten Militäraktion aus dem Staatenbund entlassen. Übrigens garantiert die yugoslawische Verfassung den einzelnen Bundesstaaten das Recht auf Separation! Im Falle Kroatiens ging es aber um mehr. In Kroatien leben einige Serben und da Kroatien außerdem noch einiges bietet, das Serbien nicht hat und direkt an Rumpf-Yugoslawien grenzt, bot sich eine "Korrektur" der Grenzlinien an.

So wurden wahrscheinlich einige faschistische Kräfte in dem serbischen Bevölkerungsteil Kroatiens (die sog. Tschetniks) angestiftet, den Krieg durch Mordanschläge auf Kroaten initial zu zünden. Selbstverständlich wird dieser Krieg von der Mehrheit der Serben nicht gebilligt; aber Serbien ist von demokratischen Verhältnissen weit entfernt. Und wie in vielen Unrechtssystemen hat sich auch hier das Militär so weit verselbstständigt, daß es aus eigenem Willen einen Krieg führen kann.

Ich hielte es übrigens für sehr vermessen, zu behaupten, alle Kroaten seien seit Beginn der Auseinandersetzungen brav wie Lämmer gewesen. Aber was immer die Kroaten Unrechtes getan haben, verblaßt zunehmend vor dem Hintergrund dieses Krieges. Schließlich ist die notwendige und vielleicht hinreichende Bedingung für Frieden die Einstellung der Kampfhandlungen; die aber wird von den Serben abgelehnt.

Ganz offensichtlich beteiligen sich die serbischen Vertreter an allen Verhandlungen nur um Sanktionen zu vermeiden oder wenigstens hinauszuzögern - mit einigem Erfolg. Während sie am Verhandlungstisch sitzen, machen ihre Armeen erhebliche Landgewinne. Und da sie klug sind, befreien sie das eroberte Land auch von allen Kroaten, wohl wissend, daß diese Landstriche nur dann wirklich zu Serbien gehören können, wenn man jeden potentiellen Aufrührer beizeiten entfernt. Alle Informationen, die ich habe, stützen diese Theorie. Und die daraus abzuleitenden Prognosen werden sie wohl bestätigen. Dies ist kein Bürgerkrieg sondern ein Verbrechen, begangen von serbischen Politikern und Generälen, mit einem Volk als tödlicher Waffe, und diese Situation erfordert außerordentliche Gegenmaßnahmen. Aber an dieser Stelle möchte ich nicht äußern, welche Maßnahmen ich mir wünsche (Du weißt warum). Ich möchte wissen, was Du vorschlägst um Tausende von Menschen zu retten, ihnen Freiheit zu bringen und der Gerechtigkeit Genüge zu tun. Dabei bitte ich Dich, nicht im Sinne des Völkerrechts zu argumentieren, sondern im Sinne der Menschenrechte, als Mensch, der aus moralischer Pflicht und dem Interesse an einer friedvollen und gerechten Welt bemüht ist, seinen Mitmenschen überall auf der Erde so zu helfen, wie er es im umgekehrten Falle von ihnen erwarten würde. Wie sehr würden wir uns die Einmischung dritter im Sinne der Fairneß und der Menschlichkeit wünschen, wenn in unserem Land Verhältnisse herrschten wie in einigen Staaten Lateinamerikas oder Afrikas?

Ich erwarte Deine Antwort auf meine Frage mit besonderer Spannung.


Friesische Blätter