Moderne Irrationalismen

Monika Eckmann

Irrationalismen umgeben uns auf Schritt und Tritt . Daher wird die Frage nach ihrer Herkunft und den Möglichkeiten, die uns zur Verfügung stehen, sie zu bekämpfen, immer wichtiger - zumindest für die, die wie ich in den Irrationalismen eine Gefahr sehen. Aber was sind überhaupt Irrationalismen?

Der Begriff "Irrationalismus" sollte sehr weit gefaßt werden. Beispiele für Irrationalismen sind: New Age, Sekten, zunehmender Aberglaube und Esoterik, Postmodernismus, Kulturrelativismus, Historismus, Anti- Intellektualismus, politischer Dogmatismus, ethischer Relativismus und seit kurzem einige Teile der sogenannten "feministischen Wissenschaft". Diese Klassifikation setzt sich, weil die Bezeichnung "irrational" natürlich eine negative Wertung impliziert, starken Angriffen aus. Wer eine Position oder Lebensform irrational nennt, setzt sich oft dem Verdacht der Intoleranz aus. Auf diesen Verdacht werde ich noch eingehen müssen, wenn es um die Frage geht, ob wir etwas gegen die Irrationalismen unternehmen sollten.

Schon die Beispiele zeigen meines Erachtens, daß es zwei Arten des Irrationalismus gibt: eine konsistente Variante, die sich lediglich als Lebensform sieht, und eine inkonsistente, die sich als - im weitesten Sinne - philosophische Position behaupten will, indem sie gegen die Vernunft zu argumentieren versucht. Sekten und New Age gehören zur ersten Form, Postmodernismus und feministische Wissenschaft, soweit sie Rationalität als "männlich" oder "phalokratisch" denunziert, zur zweiten.

Dieses Beispiel lohnt eine nähere Betrachtung. Inwieweit ist die feministische Wissenschaft ein Irrationalismus? Zunächst muß ich klarstellen, daß selbstverständlich nicht alles, was unter diesem Namen betrieben wird, Unsinn ist. Ich wende mich nicht dagegen, die Situation von Frauen in unserer Gesellschaft wissenschaftlich zu betrachten, oder in der Geschichtsschreibung entsprechende Untersuchungen anzustellen. Was allerdings die Grenzen sinnvoller Forschung und legitimer politischer Interessen überschreitet, ist derjenige Aspekt dieses Projektes, der sich als feministische Wissenschaftskritik profilieren möchte. Diese Kritik ist nämlich so radikal, daß sie gegen die gesamte gegenwärtige Wissenschaft einen Androzentrismus-Verdacht ins Feld führt. Die gegenwärtige Wissenschaft sei, mit ihren Standards und Methoden und ihrem ganzen vorgeblich reduzierten Vernunftbegriff, per se frauenfeindlich. Diesen Verdacht könnte sie auch ohne Probleme durchhalten - nämlich als Denkhaltung innerhalb einer Lebensform - beanspruchte sie nicht im gleichen Atemzug, selbst wissenschaftlich zu sein, denn ihre eigenen Thesen trägt sie mit dem Anspruch auf Objektivität, Allgemeingültigkeit, Überprüfbarkeit und Rationalität vor, mit dem Anspruch eben, den die Standards und Kriterien konstituieren, gegen die sie ihren Verdacht richtet. Darin liegt der irrationale und widersprüchliche Charakter dessen, was gegenwärtig unter dem Namen und Deckmantel eines berechtigten Anliegens auch betrieben wird.

Wohlgemerkt, Irrationalismus ist schon damit gegeben, daß die Vernunft abgelehnt wird, in diesem Fall, weil sie androzentrisch sei. Inkonsistenz kommt dann ins Spiel, wenn Gründe angegeben werden und damit natürlich die Vernunft, die abgelehnt wird, in Anspruch genommen werden muß.

An dieser Stelle ist ein möglicher Einwand zu besprechen, der unter dem Stichwort der "anderen Vernunft" häufig vorgebracht wird. Er geht im wesentlichen darauf aus, daß der vermeintliche Irrationalist ja auch rational - nur eben anders rational - sein könnte. Die Entgegnung darauf ist ziemlich einfach. Diese andere Vernunft kann von der unseren nämlich nicht allzu verschieden sein - sie wäre dann eben keine Vernunft. Was aber notwendig zum Kernbestand der Rationalität gehört, das ist mit Hilfe der Philosophie zu klären. Die Methode, die dabei zur Anwendung kommt, ist unter dem Namen "Transzendentalpragmatik" bekannt, und basiert im wesentlichen auf dem Prinzip, daß gewisse Bestandteile der Vernunft nicht aufgegeben werden können, ohne daß Argumentation unmöglich wird. Damit ist als Kernbestand dessen, was notwendig zur Vernunft gehört, bislang überzeugend nachgewiesen: Argumentation mit universalen Geltungsansprüchen auf Wahrheit, Verständlichkeit, Wahrhaftigkeit und normative Richtigkeit. Universal sind diese Ansprüche eben dadurch, daß jeder, der argumentiert, diese Ansprüche in jeder seiner Äußerungen erhebt. Ich kann zum Beispiel nicht als Argument vorbringen wollen, daß Verständigung ohnehin unmöglich sei, weil zum Beispiel die Zeichen der Sprache einer ständigen Bedeutungsverschiebung unterliegen. Solche Thesen sind bei Postmodernisten sehr beliebt, lassen sich aber dadurch entkräften, daß man darauf reflektiert, daß der, der sie vorbringt, sich offensichtlich doch zutraut, ein verständliches Argument liefern zu können, das nicht diesen Bedeutungsverschiebungen zum Opfer fällt.

Darin kommt ein allgemeines Prinzip zum Ausdruck, nämlich, daß es unmöglich ist, rational gegen die Vernunft zu argumentieren, ohne sich in Widersprüchen zu verfangen. Dies gilt sogar für ethisch relevante Präsuppositionen der Argumentation. So kann im Diskurs nicht sinnvoll vorgebracht werden, daß alle Argumentation letztlich auf Gewalt hinauslaufe, denn wer dies behauptet, übernimmt damit ja die Aufgabe, diese These mit Argumenten zu stützen, was auf den schizophrenen Sprechakt "Ich versuche hiermit, Dich argumentativ davon zu überzeugen, daß alle Argumentation Gewalt ist." hinausläuft.

Diese Irrationalismen äußern sich aber auch in Form politischer Positionen. Nehmen wir als Beispiel die Forderung, die Frauen sollten ein Vetorecht in bezug auf "Frauenfragen" erhalten, weil nur sie aus ihrer Betroffenheit heraus kompetent seien, über diese Fragen zu befinden, und es eine Unverschämtheit sei, ihnen auch noch rationale Begründungen für ihre Entscheidungen abzuverlangen, diese fällten sie schließlich aus einer Gewißheit heraus, die der unmittelbaren Involviertheit als Frau mit der entsprechenden Problematik entspringt - eine Forderung, die im Rahmen der Abtreibungskontroverse tatsächlich zuweilen vertreten wird.

So plausibel sich diese Argumentation auf den ersten Blick ausnehmen mag, so unsinnig ist sie doch. Schließlich soll hier ein Bereich politischen Entscheidens jeder Form rational begründeter Kritik entzogen werden, denn nichts anderes stellt ein Vetorecht de facto dar. Nun sollte es aber inzwischen selbstverständlich sein, daß gerade politisch relevante Fragen der Vernunft zu überantworten sind. Jede These, die erhoben wird, muß sich argumentativ verteidigen lassen. Jeder, der etwas behauptet, erhebt damit einen Geltungsanspruch, den er argumentativ einzulösen bereit sein muß. Dies gilt auch für Frauen. Die Berufung auf eine nicht intersubjektiv geteilte, sondern genuin private Gewißheit kann als rationales Argument nicht zugelassen werden. Sonst könnte jeder sich auf eine göttliche Offenbarung berufen und wäre damit jeglicher Verpflichtung, seine Thesen zu begründen, enthoben.

Daher ist die vorgebrachte Argumentation für ein Vetorecht hinfällig, was nicht heißt, daß es keine Argumentation für ein derartiges Recht geben könnte. So ist es zum Beispiel durchaus plausibel, daß ein aufschiebendes Vetorecht - mit Betonung auf "aufschiebend" - für Minderheiten durchaus gerechtfertigt sein kann, um deren tendenzielle Benachteiligung im Diskurs auszugleichen. Schließlich finden die politischen Diskussionen ja nicht in einem Machtvakuum statt, und die Beteiligten erfüllen natürlich auch niemals die idealen Diskursvoraussetzungen. Unter diesen Bedingungen hat ein aufschiebendes Veto als Institution die Aufgabe, die implizit immer schon anerkannte Voraussetzung der Argumentierenden, mit dem Handeln so lang zu warten, bis ein Konsens hergestellt wird oder sich herausstellt, daß ein Konsens nicht zu erreichen ist, in der Praxis zu realisieren. In diesem Sinne ist einem Vetorecht für Frauen an einigen Stellen mit Sicherheit zuzustimmen. Damit ist aber noch lange nicht impliziert, daß Minderheiten ein Anrecht hätten, am argumentativen Diskurs vorbei, Vorhaben oder Entscheidungen im politischen Bereich zu verhindern.

Wenn es also auch denkbar ist, daß es in einer Gesellschaft faktisch Entscheidungsmechanismen gibt, die derartige Irrationalismen darstellen - zum Beispiel Diktaturen, Theokratien, etc. - so ist es dennoch unmöglich, die Forderung, unsere Lebensweise und unsere politischen Entscheidungsstrukturen ebenso einzurichten, argumentativ zu vertreten, denn wer in den Diskurs eintritt hat de facto schon zugestimmt, daß es am besten ist, politische Forderungen mit guten Gründen durchzusetzen. Nähme ein Mensch, der derartige Thesen vertritt, diese ernst, so müßte er versuchen, uns mit anderen Mitteln - zum Beispiel Indoktrinierung, Gehirnwäsche, Gottes Hilfe, etc. - zu bekehren, nicht zu überzeugen. Diese Forderungen sind also in einem ganz eigentümlichen Sinne "indiskutabel".

Damit stellt sich die politische und auch für praktische Belange interessantere Frage, wie es moralisch zu bewerten ist, gegen die Irrationalismen vorzugehen. Dabei sind die inkonsistenten Irrationalismen kein Problem. Da sie als Positionen im argumentativen Diskurs auftreten, stellen sie selbst die Aufforderung dar, sie zu widerlegen, was wie gezeigt kein großes Problem ist. Da hier die Spielregeln der Argumentation implizit schon anerkannt sind, kann uns auch kein Vorwurf erwachsen, wenn wir uns auch an sie halten. Damit ist allerdings noch nicht geklärt, welche Mittel hier Erfolg versprechen, denn die Erfahrung lehrt, daß es mit einer bloßen Widerlegung oft nicht getan ist; auch diese Irrationalismen scheinen aus einem tiefen Bedürfnis gespeist, das ihre Vertreter auch nach erfolgter Widerlegung an sie glauben läßt. Vielleicht entspringen diese Irrationalismen ursprünglich derselben Quelle wie die konsistenten Irrationalismen, die nicht den argumentativen Diskurs suchen, sondern ja nur als Diskursfeindliche Lebensformen auftreten.

Mit diesen Irrationalismen, wie sie im Aberglauben, Glauben, New Age, Esoterik und ideologischen Dogmatismus, soweit er pathologische Formen anzunehmen vermag, zum Ausdruck kommen, verhält es sich aber auch in bezug auf unser moralisches Problem prinzipiell schwieriger. Anhänger dieser "Lebensformen" treten ja nicht als Diskurspartner auf, sie sind nur Gegenstand der Theoriebildung unter den Argumentierenden, die dann über das Problem zu reden haben, wie sie sich gegenüber ihnen denn zu verhalten haben. Fragen, die sich hier stellen, sind zum Beispiel:

  • Dürfen wir unsere Diskurslebensform gegen Angriffe von Seiten anderer Lebensformen verteidigen, zur Not mit Gewalt?
    Dürfen also zum Beispiel Eltern ihre Kinder durch Ent- führung aus einer Sekte heausholen und sie hernach mit aggressiver Psychotherapie wieder "zur Vernunft" bringen?

  • Dürfen wir gegen andere Lebensformen vorgehen, um auch diese Menschen mit den "Segnungen der Rationalität" zu beglücken?

  • Was sind die Kriterien, nach denen wir als vernünftige Menschen über die Irrationalismen moralisch zu urteilen haben?

  • Welche Mittel sind zulässig, um einen Menschen zur Diskurslebensform zu bringen? Überzeugen wird man ihn nämlich nicht können; das setzte voraus, er teilte mit uns schon die Diskurslebensform.

  • Dürfen wir einen Anhänger irgendeines konsistenten Irrationalismus in eine Argumentation verwickeln? Zwingen wir ihm damit nicht etwas auf, was er nicht dulden muß?

Hinter diesen Fragen verbirgt sich meines Erachtens ein zentrales Problem, nämlich, ob Irrationalismen als Lebensform eine Existenzberechtigung haben. Denken wir an den Coca-Cola-Imperialismus, den Massentourismus und all die anderen Formen von "Kulturfaschismus", mit denen der weiße Mann seine Lebensform anderen Völkern aufgezwungen und ihnen so sehr oft ihre kulturelle Identität im Sinne seiner Herrschafts- und Wirtschaftsinteressen genommen hat, so erscheint es zweifelhaft, ob die Diskurslebensform einen Primat für sich in Anspruch nehmen darf. Doch ist hierzu auch zu sagen, daß wir den Unterjochten ja eben nicht die Diskurslebensform brachten, sondern imperialistische Ausbeutung in Kolonien, die sich noch heute als wirtschaftliche Abhängigkeit auf dem Weltmarkt niederschlägt. Noch mehr Zweifel ergeben sich, wenn wir einen Blick darauf tun, in welch bescheidenem Maß der gesellschaftliche Diskurs bei uns institutionalisiert ist. Das Reden über Politik müßte erst auf eine qualitativ höhere Ebene gehoben werden, wollte man von einem allgemeinen politischen Argumentieren in der Bevölkerung sprechen. Besteht also nicht die Gefahr, daß unter dem Vorwand, die Vernunft zu verbreiten, eine neue Kolonialisierung eingeleitet wird, wie seinerzeit unter dem Vorwand, das Christentum zu verkünden? Sollten wir unseren Missionstrieb nicht lieber zügeln?

Diese Gefahr besteht mit Sicherheit, es wäre nicht das erste Mal, daß eine gute Sache in den Dienst einer schlechteren gestellt würde. Daher ist große Vorsicht geboten. Dennoch kann nur um einen sehr hohen Preis bestritten werden, daß es Bedingungen gibt, unter denen es angebracht ist, eine andere Lebensform zurückzudrängen, daß es Fälle gibt, in denen Toleranz unangebracht ist. Das einzige trifftige Argument, das zugunsten einer Lebensform, in welcher die Vernunft nicht zur Entfaltung kommt, vorgebracht werden kann, liegt darin, sie mache die Menschen, die in ihr leben, glücklicher als die Diskurslebensform es je könnte. Sonst bestehen meines Erachtens keine prinzipiellen Bedenken, einen Menschen "zur Vernunft zu bringen". Darin liegt mit Bestimmtheit eine starke These, aber wenn wir an einem Fortschrittsgedanken festhalten wollen - und in einem argumentativen Diskurs haben wir diesen als Streben nach Wahrheit immer schon anerkannt -, können wir nicht umhin, zuzugeben, daß es an sich keine Bedenken geben kann, anderen Kulturen und Individuen bei ihrem Fortschritt zu helfen. Fortschritt ist hier natürlich nicht in dem technisch-instrumentellen Sinne zu verstehen, dem ja schon ein extrem verkürzter Rationalitätsbegriff zugrunde liegt.

Die entscheidende Frage ist also, ob die Tatsache, daß eine Lebensform die Menschen glücklich macht, uns zur Toleranz gegen sie nötigt, sofern diese Menschen uns nicht bedrohen. Man erinnere sich hier an die pragmatische Begründung der Religion durch William James, der sagte, Glaube sei wahr, weil er den Gläubigen nützlich sei. Wenn ich also wüßte, daß ich einen Menschen unglücklicher mache, indem ich ihm seinen Glauben ausrede, so sollte ich das eben nicht tun.

Umgekehrt gilt aber, daß wir zumindest in den Fällen, in denen der Irrationalismus die Menschen unglücklicher macht, wir sie zur Vernunft bringen dürfen und sollten. Ein alltägliches Beispiel: Wenn eine Frau aus religiösen Gründen Gewissensbisse wegen einer Abtreibung hat, so sollte eine Psychotherapie mit dem Ziel, sie von ihrem hinderlichen Glauben zu befreien, durchgeführt werden. Oder wenn es eben darum geht, daß Eltern ihr Kind aus dem Bann einer Sekte befreien wollen, so ist dazu jedes Mittel recht, daß geeignet ist, die objektiven Interessen des Kindes zu wahren, das ja im Moment nicht in der Lage ist, seine Interessen selbst zu vertreten. Aber auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene ist diese Argumentation durchzuführen; wenn sich nämlich erweisen sollte, daß William James Unrecht hatte, daß also die Religion die Gläubigen tendenziell unglücklicher macht, dann sollte politisch dafür gesorgt werden, daß so wenig Menschen wie möglich darunter leiden, indem der Staat die Religionsausübung soweit behindert, wie es sich mit den allgemeinen Prinzipien, deren Aufgabe auch nicht durch das zu erwartende Glück der von ihrem Glauben Befreiten aufgewogen werden kann, verträgt.

Kurz gesagt: Die Anhänger dieser irrationalen Lebensformen haben, soweit sie konsistent und also performativ einem Argumentieren nicht zugänglich sind, den Status von Unmündigen und Schwachsinnigen. Sie sind nicht als Träger subjektiver Interessen eigenverantwortlich für deren Wahrnehmung, sondern es ist das Recht und unter geeigneten Umständen auch die Pflicht der im Diskurs stehenden, ihre objektiven, also von dritten plausibel erkennbaren Interessen zu vertreten. Darin äußert sich das moralische Handeln gegenüber den Menschen, die in Irrationalismen befangen sind. Natürlich muß bei Menschen, die nicht total unvernünftig sind, sondern nur punktuell erkenntnisbehindert - dies ist die Mehrheit der Anhänger inkonsistenter oder sogar philosophisch motivierter Irrationalismen - zunächst das noch vorhandene Vernunftpotential ausgeschöpft werden.


Friesische Blätter