"Des Menschen schlimmster Feind"

Hans-Dietrich Jensen

Spätestens seitdem die USA den Kampf gegen den internationalen Drogenhandel aufgenommen haben, wissen wir es alle: Die Drogen sind die Geißel der Menschheit. Drogenabhängige ruinieren ihr Leben und liegen der Allgemeinheit auf der Tasche, weil sie ja nichts mehr zu leisten imstande sind. Längst vergessen sind die herausragenden Meisterstücke jenes alkohlabhängigen Morphinisten Johann Wolfgang von Goethe.

Aber auch andere Stimmen werden lauter. Diese behaupten, es sei nicht rechtens, daß Drogenkonsum unter Strafe gestellt sei, denn es müsse schließlich jeder selbst über seinen Körper bestimmen dürfen. Der Staat habe kein Recht, seine Büger zu bevormunden. Es sei ein gewaltiger Widerspruch darin, auf der einen Seite die Menschen für mündig genug zu halten, daß sie wählen dürfen, und ihnen auf der anderen Seite selbstverständliche Rechte mit der Begründung vorzuenthalten, sie wüßten nicht, was gut für sie sei. Daher müsse der Drogenkonsum legalisiert werden.

Eine dritte Position - diese tritt in allen Streitfragen auf - glaubt wieder einmal, man müsse nur allen ein wenig Recht geben, um selbst Recht zu haben. Sie plädiert für die Legalisierung "weicher" Drogen und will die "harten" Drogen verboten lassen. Das einzige Argument, das sie für sich hat, ist der falsche und gefährliche Allgemeinplatz, daß die Wahrheit stets in der Mitte liege.

Bei allem, was dazu vorgebracht wird, fällt auf, daß sich offenbar noch niemand gefragt hat, was eine Legalisierung der Drogen kosten würde und was das Verbot uns heute kostet. Dann könnten wir doch einfach die billigere Alternative wählen. Ich möchte die Frage noch etwas verallgemeinern: Was nützt uns mehr - Legalisierung oder Verbot von Drogen? Dabei meine ich eine natürlich geregelte Freigabe aller Drogen, und zwar insofern geregelt, als daß ich Fragen des Jugendschutzes hier ausklammern möchte. Ihnen wird eben in einer gesetzlichen Regelung der Freigabe Rechnung zu tragen sein. Dennoch stelle ich die Frage, was uns eine derartige Freigabe nützen würde und was uns ein generelles Verbot nützt.

In dem "uns" steckt eine kleine Schwierigkeit. Es erhebt sich nämlich die Frage, wer dazu gehört. Wir wollen daher mehrere Fälle untersuchen.

Zunächst fragen wir einen Drogenabhängigen. Dieser wird sich ausrechnen, daß mit einer Legalisierung die Preise für Drogen fallen werden und er somit ein besseres Leben führen kann, wozu noch kommt, daß er nicht mehr vom Knast bedroht ist. Überdies rechnet er sich zu Recht aus, daß mit einer Legalisierung des Marktes der Verbraucherschutz in diesem Sektor verbessert werden wird; die angebotenen Stoffe werden reiner, und sein Gesundheitsrisiko wird abnehmen. Es ist auch mit Weiterentwicklungen der Drogen zu rechnen, deren Nebenwirkungen geringer und deren Wirkungen besser vorauszusehen sein dürften. Insgesamt müßte er sich ausrechnen, daß eine Legalisierung ihm nützen würde.

Als nächstes fragen wir einen, der nicht drogenabhängig ist. Der wird sich ausrechnen, daß er Geld dadurch sparen wird, daß ihm die Drogenabhängigen weniger Geld stehlen. Ferner wird er weniger Geld für die Bekämpfung des organisierten Verbrechens aufzuwenden haben. Das wird die Mehrkosten für zusätzliche Therapieeinrichtungen bei weitem übersteigen. Ferner wird er sich einer dreifachen Alternative gegenübersehen: zum einen kann er nach der Legalisierung beschließen, Drogen zu konsumieren, wobei er seine Abhängigkeit billigend in Kauf nimmt, da er erwartet, unter den veränderten Rahmenbedingungen keine Probleme mit der Beschaffung seiner Suchtstoffe zu bekommen. Da er sich seine Sucht somit leisten kann, kann er das Risiko des sozialen Abstiegs relativ gering halten und das der gesundheitlichen Schädigung nimmt er nach eingehender Abwägung in Kauf. Er kann sich aber auch dazu entschließen, seine Enthaltsamkeit beizubehalten. Dann ändert sich an seinem Leben nicht allzuviel. Auch er kommt also zu dem Schluß, daß eine Legalisierung ihm nützt. Doch ist dies nicht notwendig, da es eine kleine Randgruppe gibt, die die dritte Alternative bildet. Das sind diejenigen Leute, die zwar keine Drogen konsumieren möchten, jedoch psychisch zu schwach sind, der Versuchung zu widerstehen. Diese Leute haben einen guten Grund, eine strafrechtliche Verfolgung von Drogenkonsum zu befürworten. Ihren Interessen müßte natürlich Rechnung getragen werden. Dies könnte durch Therapieeinrichtungen für Willensschwache geschehen. Dort könnten die Betroffenen wählen, ob sie ihren Willen stärken oder umdrehen lassen wollen. Damit aber müßten sie zufriedengestellt sein, schließlich stellen sie nur einen Bruchteil derjenigen Menschen dar, die mit ihrem Charakter nicht zufrieden sind und Hilfestellung benötigen. Ferner ist nicht zu sehen, wie sie sich von anderen Fällen dieser Art unterscheiden, so daß ihretwegen ein allgemeines Verbot von Drogen gerechtfertigt wäre. Man legalisiert ja auch nicht Eigentumsdelikte bestimmter Art, um Menschen, die an Kleptomanie leiden, entgegenzukommen, sondern man hilft ihnen individuell.

Somit ist die Lage eindeutig: da eine Legalisierung der Drogen allen nützt, sollten wir sie durchführen. Doch ist diese Argumentation nicht zu kurz gegriffen, wird sie dem moralischen Problem überhaupt gerecht? Ich stelle die Gegenfrage, wo hier überhaupt das moralische Problem liegt.

Ein moralisches Problem ist stets eine Frage danach, was wir tun sollten. Die Kriterien, nach denen das zu beurteilen ist, machen wir jedoch selbst. Und das einzige, auf das wir uns dabei zurückziehen können, sind unsere ureigensten Interessen. Denn wo es um die Art und Weise geht, wie wir leben sollen, muß es danach gehen, wie wir leben wollen. Ein Gesetz, das wir uns geben, muß sich vor uns rechtfertigen. Auch die sogenannten "Zehn Gebote" müssen sich danach richten, daß sie unser Leben zu unserem Vorteil organisieren sollen. Leisten sie dies nicht, haben wir keinen Grund, sie zu befolgen. Ich halte es für überflüssig, eine solche Selbstverständlichkeit weiter zu begründen, obschon noch keine Einigkeit darüber herrscht. Namentlich einige Christen sind in dieser Hinsicht offenbar erkenntnisbehindert - das haben sie mit anderen Fanatikern und Wahnkranken gemein.

Daher entsteht überhaupt kein moralisches Problem, das ja nur noch in der Verletzung irgendeines "höheren Prinzips" bestehen könnte, was aber offenbarer Unsinn ist, da wir in einem solchen Falle lediglich sehen würden, daß wir einen guten Grund haben, jenes Prinzip aufzugeben oder zu modifizieren. Worin sollte die Bedeutung des Prinzips liegen, wenn nicht in seinen Anwendungen, und warum sollten wir nicht ein etwas komplizierteres Prinzip wählen, dessen Anwendungen uns eher zum Nutzen geraten, indem wir die Ausnahme des erlaubten Drogenkonsums einbauen?


Friesische Blätter