Ein Muß für jeden BildungsprotzHeinrich Talpa Häufig genug kommt es vor, daß der durchschnittliche Bildungsprotz einfach Namen und Daten vollkommen durcheinander bringt. Mitten im schönsten NameDropping sieht er sich mit der Tatsache konfrontiert, daß Beethovens Gedichte leider von Schiller geschrieben wurden und die Opernwelt doch schon etwas schockiert reagiert, wenn behauptet wird, daß Bach seine Opern von Richard Wagner geklaut hätte. Solcherlei Peinlichkeiten gehören mit dem Erwerb einiger Bücher endgültig der Vergangenheit an. Der Markt mit Nachschlagewerken ist auf mittlerweile schier unermeßliche Größe angeschwollen, aber zwei dieser Bücher möchte ich der staunenden Öffentlichkeit vorstellen. Reclams OpernführerSchon sehr früh hat sich in der ernsten Musik die Erkenntnis durchgesetzt, daß hier ein unpassendes Statement sehr schnell zur völligen gesellschaftlichen Deklassierung führen kann. Wer beispielsweise als ganz frisch promovierter Geisteswissenschaftler bei seinem ersten Vorstellungsgespräch für den diplomatischen Dienst nicht arg böse ins Fettnäpfchen treten will, sollte sich schon vorher mit den Errungenschaften der abendländischen Kultur auseinandergesetzt haben. Diese Fähigkeiten zahlen sich dann auch beim Dinner mit dem Botschafter von Italien hervorragend aus. Um zu vermeiden, daß sich die Konversation sehr schnell erschöpft ("Es ist doch hochinteressant, daß Mozart auch Opern geschrieben hat.") eignet sich nun folgendes Nachschlagewerk, das sich in jedem Dinnerjacket unterbringen läßt. Reclams Opernführer, der mir jetzt in der 25. Auflage von 1969 vorliegt, sollte als Pflichtlektüre für das Auswärtige Amt, die akademische Laufbahn und den wöchentlichen Kulturabend steuerlich begünstigt werden. Chronologisch sortiert werden 228 Opern von 91 Komponisten und selbige Komponisten erläutert. Die erste (also älteste) der aufgeführten Opern ist "L'Orfeo" (uraufgeführt am 22. Februar 1607 in Mantua) von Claudio Monteverdi (1567-1643) und die letzte aufgeführte Oper ist "Die Teufel von Loudon" (uraufgeführt am 20.6.1969) von Krysztof Penderecki (geb. am 23. November 1933) nach einem Libretto von Erich Fried. Zwischen diesen beiden Werken liegen jene, bereits erwähnten 226 Opern. Zwei ausführliche Register ermöglichen ein leichtes Auffinden eines jeden musikalischen Bühnenwerkes. Auf Seite 713 erscheint das "Verzeichnis der Komponisten und ihrer beschriebenen Werke" (von Adam, Adolphe Charles bis Bernd Alois Zimmermann) und auf der Seite 717 befindet sich das "Verzeichnis der Opern" (von Abu Hassan bis Zwei Witwen). Jeder der Komponisten wird mit seinen Lebensdaten vorgestellt, dann folgt ein kurzer Lebenslauf des Meisters (Leider findet sich keine einzige Meisterin in diesem sonst so hervorrragenden Werk.) in der opernüblichen Pathetik. Anschließend findet sich mindestens eine Oper, die in mehrere Teile seziert wird. Dort wird der Titel, die Anzahl der Akte, der Librettist, sowie Ort und Datum der Uraufführung genannt. Die Handlungswiedergabe, nach den Akten fein säuberlich getrennt, ist mehr als eine Inhaltsangabe des Librettos. Zu guter Letzt erfolgt noch eine Charakterisierung der Musik in leider zu knappen Worten. Kurz und gut: Ein Nachschlagewerk, das nicht nur für den Bildungsprotz unentbehrlich ist, sondern auch ein Buch, das mensch benutzen kann, um sich auf einen Abend in der Oper vorzubereiten. Der aktuelle Preis ist mir nicht geläufig, ich habe es auf einem Büchertisch in Göttingen vor der Mensa für 3 DM erstanden. Das Handbuch des nutzlosen WissensDieses Buch ist allerbestens geeignet, Gesprächsopfer zu beeindrucken. Das von Hanswilhelm Haefs geschriebene "Handbuch des nutzlosen Wissens" strotzt auf 212 Seiten von erstaunlichen Absonderlichkeiten, wie die Tatsache, daß 1830 Ketchup in den USA als Medizin patentiert wurde. (S. 129) oder das der Mann mit dem längsten Bart Europas 1567 über selbigen stolperte und sich dabei das Genick brach (S. 149). Der Autor, der nach seinen Studien in Bonn, Zagreb und Madrid als Gründer der deutschen MarcoPolo-Gesellschaft bekannt wurde, lebt heute als Übersetzer, Herausgeber und Autor ("Im langen Schatten Tschinggis Chans") in der Eifel. In mühevoller Kleinarbeit hat Haefs aus vielen Werken wie z. B. der Encyclopedia Britannica (London 1911) die schönsten Absurditäten heraus gesucht und in sieben Kapiteln aufgeführt. Die Quelltexte hat er übrigens wegen der Glaubwürdigkeit am Ende des Buches aufgelistet. Die sieben Kapitel des Buches lauten:
Am Ende eines jeden Artikels fügt Haefs einige weitere Absonderlichkeiten zusammen und würfelt sie kaleidoskopartig durcheinander. Die dabei entstandenen Texte, wie über das Geschlecht von chinesischen Drachen, sind zwar etwas verworren, aber lesenswert. |