Wozu noch Philosophie?Herausfordernd in den Raum, jenen wissenschaftlichen Raum esoterischer Diskussion ist sie gestellt, obige Frage nach dem Nutzen der Philosophie. Sie ist ein unverhohlener Angriff auf die wehrloseste aller Wissenschaften. Viele Philosophen haben versucht, sie zu verteidigen, sich zu verteidigen; sie sind angetreten zur Ehrenrettung ihrer Wissenschaft. Aber Ihre Theorien kranken, als Legitimation konzipiert und mit allen Mitteln derjenigen Wissenschaft durchgeführt, die es gerade zu verteidigen gilt, an jenem logischen Fehler, der als Circulus Virtuosus bekannt und dafür verantwortlich ist, daß jeder scheitert, der sich an den eigenen Haaren aus dem Morast ziehen will. Letztlich sind diese Philosophen so wenig glaubwürdig, wie die Hersteller, welche für die eigenen Produkte werben. Die Nützlichkeit der Philosophie durch die Philosophen selbst klären zu lassen, Ist ein törichtes Unterfangen, zumal ein Philosoph, der zu der Einsicht käme, das Philosophie höchst unnütz sei, entweder seine Tätigkeit beenden oder bald zum Beispiel seiner Behauptung werden würde, denn eine Philosophie aus dem Bewußtsein Ihrer Nutzlosigkeit heraus wäre wahrscheinlich wirklich nutzlos. Es kann aber die Nützlichkeit einer Ware durchaus vom Standpunkt des Konsumenten erfolgreich beurteilt werden. Das gewählte Beispiel: Technikfolgenabschätzung. Ein Endlager in Gorleben für sogenannten Atommüll, ein Kernkraftwerk in Cattenom, eine Giftmülldeponie, ein neuer Impfstoff mit noch festzustellenden Nebenwirkungen, ein neuer Treibstoff für Raketen, ein neuer Rasierapparat - all diese Vorhaben werfen die Frage auf, ob sie verwirklicht werden sollen. Diese Frage stellt sich aber nur für diejenigen, welche die Entscheidungen darüber treffen. Die die an ihr nicht beteiligt jedoch betroffen sind, können diese Frage nur in konjunktivistischer Form, was geschehen sollte, stellen. Für beide gelten dennoch gleiche Maßstäbe zur Beantwortung. Es geht in allen oben genannten Fällen um technische Neuerungen, die In ihren Wirkungen noch einzuschätzen sind. Dieses Problem wird Technikfolgenabschätzung genannt. Da wir in einer Zeit schnellen technischen Wandels und großer technischer Möglichkeiten leben, ist Technikfolgenabschätzung offenkundig notwendig, um Schaden von der Menschheit abzuwenden. Wo aber kann hier das Betätigungsfeld der Philosophie liegen, wo sollte philosophischer Rat eingeholt werden, worin liegen bei dieser speziellen Problematik die philosophischen Fragestellungen? Schließlich käme niemand auf die verrückte Idee, einen Philosophen mit der Anfertigung einer Risikostudie über eine Giftmülldeponie zu beauftragen. Für solche Aufgaben sind Naturwissenschaftler wesentlich besser ausgebildet denn sie sind doch eher als ein Philosoph in der Lage, vorauszuberechnen, was mit der Deponie in den nachfolgenden Jahren geschehen wird, sie können das Risiko, die Im Mittel zu erwartende Schadenshöhe berechnen. Wozu kann Philosophie hier nütze sein? Was könnte denn ein Philosoph in dieser Lage überhaupt fragen? Er könnte fragen, ob die sogenannten wissenschaftlichen Methoden, die bei einer Risikostudie angewendet werden, überhaupt geeignet sind, in diesen Problemsituationen Erkenntnisgewinn zu erbringen, oder ob sie nicht Scheinerkenntnisse hervorbringen, die nicht wirklich aussagekräftig sind. Er kann also die wissenschaftliche Methodik hinterfragen, die Grundlagen unserer scheinbaren Naturerkenntnis. Er kann fragen, warum gerade dieses Verständnis von Naturerkenntnis sich durchgesetzt hat, oder ob es eventuell durchgesetzt worden ist und, wenn ja, von wem und warum. Er kann nach den Folgen des Natur- und Weltverständnisses für die praktischen Konsequenzen der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse fragen, sowie nach dem Einfluß dieses Weltbildes auf die Entwicklung der Naturwissenschaften selbst. Fragen kann er auch nach den Rückwirkungen auf die Geisteswissenschaften, und nicht zuletzt auf seine, die Philosophie. Er fragt vielleicht auch nach dem Verständnis von Naturerkenntnis, welches der technischen Verwertung derselben zugrunde liegt. Desweiteren können ihn die Auswirkungen dieses Bildes über die Art, wie mit Erkenntnissen umzugehen sei, auf das Denken der Menschen, die diese Erkenntnis produzieren, interessieren. Noch grundsätzlicher könnte er fragen, ob Erkenntnis über die Welt überhaupt möglich sei; fragen auch danach, was unter "Welt", also dem Wesen nach eigentlich zu verstehen ist. Fragen könnte er auch danach, ob das Kriterium der Schadenshöhe überhaupt vom moralischen Standpunkt her sinnvoll für die Entscheidungsfindung Ist oder ob diese Art, das Risiko in DM anzugeben, nicht zynisches Charakteristikum einer kranken Gesellschaft ist, die die selbsterschaffenen Dämonen nicht mehr unter Kontrolle hat. Er kann weiter fragen, warum es Menschen gibt, die von der Entscheidung betroffen sind, weil sie neben der geplanten Deponie wohnen, aber nicht an ihr beteiligt sind. Er fragt, ob Demokratie darin besteht, daß Freiheit sich äußert als Freiheit der Reichen, Land für eine Deponie zu erwerben, sie zu errichten und damit Gewinne zu erwirtschaften und als Freiheit der Anwohner, dagegen zu sein und ihre Meinung frei aber ohnmächtig zu äußern. Er fragt warum der Staat eben diese Art von Freiheit schützt, und er fragt weiter, warum die Menschen, die dadurch von der Macht ferngehalten werden, diesen Staat auch noch unterstützen, warum sie immer wieder gerade jene Parteien wählen, die Sinnbild jenes Demokratieverständnisses sind. Er entwickelt vielleicht sogar ungefragt Utopien gesellschaftlicher Systeme, in denen die Betroffenen die Entscheidungen, die sie angehen, treffen, in denen ihr Protest nicht ungehört verhallt, sondern gar nicht erst erforderlich ist, weil sie selbst entscheiden. Schließlich kann er sogar fragen, warum solche Fragen niemanden interessieren, warum er mit ihnen allein dasteht, nur im engsten Kreis seiner Kollegen anerkannt und verstanden. Warum wird er für diese Fragen und für die Antworten darauf von niemandem bezahlt, warum ergeht es Ihm anders als dem mittelalterlichen Standesgenossen, der entweder als Hofphilosoph bezahlt wurde für immer neue Beweise, daß die bestehende Staatsform die bestmögliche sei und daß es einen Gott gebe, der die guten Bürger, die nicht murren, belohnt oder die anderen bestraft, oder aber als Ketzer verbrannt, als Hochverräter hingerichtet wurde, weil er an der bestehenden Ordnung zweifelte, Kritik übte. Dieser wurde wenigstens beachtet, war gefährlich. Warum ist er als moderner Philosoph so unbeachtet, warum zeitigt nicht, was er veröffentlicht, auch nur die geringste Wirkung? Keinen interessieren diese Fragen, ihre Antworten und die dahinterstehenden Ideen und Methoden. Wozu noch Philosophie? Wer soll sich schon für sowas interessieren? |