Bereits vor über zweitausend Jahren erkannte Sokrates: "Ich weiß, daß ich nichts weiß." Obwohl dieses Wort heute oft falsch, nämlich übertreibend, ironisch, als Provokation, Lüge oder sonstwie verstanden wird, ist es sämtlichen nachfolgenden Philosophen, Wissenschaftlern und Forschern nicht gelungen, der mit dieser ebenso schlichten wie grundlegenden Erkenntnis eröffneten Sammlung wirklicher Wahrheiten etwas anderes hinzuzufügen als eine ausufernde und unübersichtliche Sammlung unbeantworteter Fragen.
Tausende von Jahren suchten Wissenschaftler nach Wahrheiten und fanden nur Fragen. Denn die Beantwortung einer Frage wirft immer neue Fragen auf, Fragen, die einer abschließenden Anwort, also jeglicher wirklicher Wahrheit entbehren.
Als noch feststand, daß die Sonne sich um die Erde dreht, ziemlich klein ist und lediglich zur Beleuchtung dient, gab es in diesem Zusammenhang keine Fragen, zumindest keine, die nicht der nächste Pfarrer abschließend hätte beantworten können. Als sich dagegen langsam die Theorie von Galilei durchsetzte, tauchten immer neue Fragen nach ihrer Entstehung, Beschaffenheit usw auf, von denen jede ihrerseits wieder unzählige Fragen aufwarf, usw usf.
In früheren Zeiten war Gott die Erklärung für die wichtigsten und auch einige unwichtige Fragen: Warum gibt es uns, was ist der Sinn des Lebens, wo kommen wir her, warum ist alles wie es ist? Gott als Antwort auf diese Fragen war eine abschließende Antwort, dh. die Frage war damit endgültig und ohne Nachfragen beantwortet. Aber je mehr es sich im Laufe der Jahrhunderte durchsetzte, die Fragen wissenschaftlich zu beantworten, desto mehr Fragen wurden aufgeworfen, und das Mißverhältnis von Fragen und Antworten wurde immer schneller immer größer.
So wuchert das Unwissen, das sich als riesige Menge unbeantworteter Fragen darstellt, wie ein bösartiges Geschwür. Und dieses Geschwür wächst umso schneller, je mehr sich die Wissenschaft um die Wahrheit bemüht. Und indem die Fragen immer mehr werden und der Umfang der Unwissenheit ständig zunimmt, kommen wir der Katastrophe, die die Menschheit auslöschen wird immer näher. Die Ursache dieser Katastrophe wird die schließlich unbeherrschbare Menge unvorstellbar vieler unbeantwortbarer Fragen und ein unvorstellbares Ausmaß globaler Unwissenheit sein (Der Grad der Unwissenheit wie sie hier gemeint ist, ergibt sich aus einer Gegenüberstellung der Summe, der in Zahlen ausgedrückten Dringlichkeit der Fragen einerseits und der entsprechenden Summe, der tatsächlich beantworteten Fragen andererseits.).
Diese unbeantworteten Fragen sind natürlich nicht alle philosophischer Art; das würde wahrscheinlich niemanden umbringen. Die Dringlichkeit der zu beantwortenden Fragen differiert stark. Die eine Frage (,Was tun wir gegen den Welthunger.') hat eine größere Dringlichkeit als eine andere, deren Beantwortung keinen Nutzen stiftet sondern allenfalls Wissensdurst stillt (`Wie schnell löst sich ein schwarzes Loch auf?').
Es gibt also dringliche und weniger dringliche Fragen. Und es gab und gibt aber außerdem gefährliche Fragen, deren Beantwortung mittel oder unmittelbar zu dringlichen Fragen hinführt. Diese gefährlichen Fragen können selbst dringlich sein; wie die Frage, was gegen die hohe Säuglingssterblichkeit und die niedrige Lebenserwartung zu tun sei. Die Beantwortung dieser Frage löste zwar zunächst ein Problem, führte aber bald zu einem anderen: der Frage, was gegen Überbevölkerung und die damit verbundene Überlastung der natürlichen Ressourcen zu tun sei. Eine gefährliche Frage mag aber auch weniger dringlich sein und trotzdem durch ihre Beantwortung zu weiteren, dringlichen Fragen führen; so zB. die Erfindung von Waffen, also die Beantwortung der Frage, wie noch schneller noch mehr Menschen getötet werden könnten. Diese Frage hätte unbeantwortet bleiben können und sollen. Doch nun ist es zu spät. Die Antworten auf diese Frage - eine ist die Atombombe - warfen neue Fragen auf: zB. wie wir diese Mordwerkzeuge wieder loswerden, bevor ein Unglück geschieht.
Wir haben wunderbare Erfindungen gemacht, von denen allgemein angenommen wird, daß sie uns das Leben erleichtern: Kunstdüngemitte 1 und Insektizide die helfen alle satt zu machen (jedenfalls auf der nördlichen Halbkugel), Automobile, den elektrischen Strom, das Dynamit, die Atomkraft... Aber ist der Wert dieser Erfindungen wirklich so einfach festzusetzen? Tatsächlich hat die Menschheit, als sie diese Erfindungen machte, eine Unmenge neuer Fragen produziert: Wie verhindern wir die Vergiftung unseres Bodens und des Wassers, ohne daß wir wegen sinkender Erträge verhungern müssen? Wieviel Verkehrstote sind unzumutbar? Wie lange kann man die Luft noch atmen? Wie verhindert man, daß außer Gestein auch Gebein gesprengt wird? Wieviel Bequerel dürfen in der Milch gemessen werden und was zum Teufel ist das: `Bequerel'?
Fragen, wie die, die zur Erfindung des Otto-Motors geführt haben waren noch recht harmlos und hätten nicht nur unbeantwortet bleiben können, sondern müssen. Inzwischen können wir nicht mehr zurück. Die obigen und viele andere Fragen müssen beantwortet werden, wenn wir überleben wollen. Doch selbst, wenn wir in dieser Runde (respektive Generation) noch die Anworten finden, werden wir damit gleichzeitig die nächste, viel schwierigere Runde einläuten. Denn die Beantwortung dringlicher Fragen bedeutet heute die Einführung neuer Technologien, die wieder neue Probleme, also dringlich zu beantwortende Fragen aufwerfen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit (wieder eine Frage die besser unbeantwortet bliebe) wann wir die uns gestellten Fragen nicht mehr beantworten können (Vergleiche "Grenzen der Forschung" in dieser Zeitung.), wann wir endgültig die Kontrolle über unsere Technik und die aus dem Lot geratene Natur verlieren.
Die Menschheit ist in eine Art Teufelskreis geraten. Der einzige Ausweg ist die Flucht nach vorne. Wir müssen die uns gestellten Fragen beantworten. Fünf Milliarden Menschen kann man nicht mit der Drei-Felder-Wirtschaft ernähren, man kann sie aber auch nicht einfach wegwünschen. Sie sind da, jeder einzelne. Und sie werden, jeder einzelne, verbissen ums überleben und damit um das Verbleiben auf unserer zu eng gewordenen Erde kämpfen. Bis sie eines Tages vielleicht mal verloren haben, und infolge schrecklicher Hungersnöte und menschengemachter Naturdefekte zu einem erträglich kleinen Häufchen zusammengeschrumpft sind, ist es zu spät - zu spät für die verbleibenden und zu spät für die Vielen, die vor ihnen unter den entsetzlichsten Bedingungen krepieren mußten. Die Menschheit muß, wenn sie (dh. alle Menschen und nicht nur einige westliche, neunmalkluge Untergangsstrategen) überleben will, die Natur den neuen Anforderungen anpassen, ein Gleichgewicht auf einem anderen Niveau herstellen. Dieses neue Gleichgewicht läßt sich aber nur mit Hilfe modernster Technologien, die es zum größten Teil noch zu entwickeln gilt, herstellen und erhalten. Um allen Menschen (und nicht nur Deutschen im Sinne des Grundgesetzes) das überleben und ein menschenwürdiges Leben zu sichern, brauchen wir Unmengen von Energie und Rohstoffen (das schließt Recycling ein) und neue Möglichkeiten der gezielten Naturgestaltung bis hin zur Naturbeherrschung (das schließt Umweltschutz nicht aus). Außerdem, und das ist genauso wichtig, brauchen wir ein politisches System, das die Bürger zu verantwortungsvollem Handeln führt und ihnen ausreichend (also sehr viele) Kontrollmöglichkeiten (besser: die Möglichkeit, selbst zu handeln) gibt. Denn ein politisches System ist als zwischen den Individuen vermittelnde Instanz ganz verantwortlich für die aus den Einzelhandlungen der Individuen resultierende Handlung der Gesellschaft.