Haben wir Gott überwunden?

Wir glauben, Gott überwunden zu haben, jeder Diskussion über ein höchstes Wesen überhoben zu sein und längst erkannt zu haben, daß es Gott nicht gebe oder daß seine Existenz zumindest nicht erwiesen werden könne. Selbst wenn er existiere, könne dies uns nicht helfen, und als Erklärung für unsere Existenz sei er seit Darwin überflüssig. Auch daß wir seit Nietsche wissen, daß alle Werte umzuwerten und ohnehin nur relativ und gesellschaftlich bedingt seien, sowie auch daß die Religion nur Opium fürs Volk sei, all das sagt uns, daß Gott als philosophische Konzeption längst indiskutabel geworden ist. Und sagt uns einer, daß ohne Gott das Leben sinnlos sei, so antworten wir leichthin: ja es ist sinnlos. Wir machen es uns sehr leicht. Dabei kann auch ich nicht leugnen, daß die Naturwissenschaft Gott als Erklärung für die Schöpfung des Menschen überflüssig macht und daß es kein großer Unterschied ist, an Gott zu glauben oder die ebenso unglaubhaften und unwahrscheinlichen Hypothesen der Forscher über die Entstehung des Universums zu akzeptieren.

Dennoch gibt es einen klassischen Bereich, in dem das Konzept "Gott" noch nicht überwunden ist: es ist dies der Bereich der Moral und ihrer Legitimation. Die einfache Frage, was gut und was schlecht sei, was gerecht, was ungerecht, bringt uns aufgeklärte Menschen in große Verlegenheit, können wir es doch nicht erklären, weil unsere Vernunft, die als einzig setzendes Instrument der Erkenntnis wir zuzulassen bereit sind, sich in jenem typischen Erklärungszirkel fängt oder in das Loch der nie endenden Begründungskette fällt, in welche Schwierigkeiten sie stets dann gerät, wenn sie zu keiner sicheren, weil intuitiv evidenten oder phänomenologisch aufweisbaren, Grundlage finden kann. Gerade aber diesen Zirkel unterbricht Gott in seiner einfachen Autorität, die ihn und nur ihn befähigt, legitimiert durch Allmacht und Allwissenheit, den Menschen zu setzen als moralisches Wesen, das fehlbar und sündig, aber auch der Vergebung fähig und wert ist.

Wir stoßen hier bei näherer Betrachtung tatsächlich in dieser Setzung auf einen Akt der Schöpfung des Menschen als durch den Geist, den göttlichen Atem vom Tier unterschieden und finden damit den Mythos auf einer anderen als der materiellen Ebene bestätigt. Auch ist sein Erklärungswert hier unbestreitbar, hebt er allein doch die Schwierigkeiten, in denen sich der moderne Mensch angesichts seines anthropozentrischen Wahns, alles, also auch die Werte und Normen, die Gerechtigkeit und die Sünde, die Strafe und die Vergebung, mit seiner kleinen Vernunft klären zu können, befindet, in seiner umfassenden Einfachheit und Ganzheit auf. So steht Gott gleichrangig neben den philosophischen Konzepten der Sittlichkeit und des kategorischen Imperatives, doch ist er diesen an legitimierender Kraft und Evidenz der Setzungen und ihrer Berechtigung weit überlegen, weil er per se Inbegriff des Gerechten ist und somit nicht anders als vollkommen gedacht werden kann, was im Mythos durch die Allwissenheit Gottes symbolisiert wird. Hierauf gründet sich seine setzende Kraft, in der wir das diesseitige Äquivalent zum mythischen Begriff seiner Allmacht vorfinden.

Keineswegs ist Gott also veraltet oder überflüssig, und, wo immer wir über Moral und sinnhaftes oder gutes Handeln sprechen, müssen wir Gott in unsere Überlegungen einschließen, wollen wir uns nicht in unserem Diskurs einer groben Unterlassungssünde schuldig machen. Wir haben Gott nicht überwunden. Dazu sind wir offenbar nicht fähig.

[MALTHUSIANA. Fachzeitschrift für abendländische und christliche Mythen 10/87]

Friesische Blätter