Grenzen der ForschungBisher haben wir uns den Forschungsprozeß als einen unendlichen vorgestellt, aber jetzt müssen wir erkennen, daß es praktische Grunde gibt, die ein Ende des wissenschaftlichen Fortschritts erwarten lassen. Tatsache ist zum Beispiel, daß schon heute unglaublich hohe Geldmengen für Forschung ausgegeben werden, die lediglich bereits bekannte Ergebnisse noch einmal produziert. Nun ist diese Forschung nicht als Verifikation gedacht, vielmehr wird sie in dem Glauben unternommen, daß die Ergebnisse noch unbekannt seien, weil aufgrund der immensen Zahl wissenschaftlicher Publikationen unmöglich ist, herauszufinden, welche Forschungsergebnisse schon vorliegen und welche nicht. Menschen brauchen Zeit zum Lernen. Um forschen zu können, muß der Lernprozeß den Lernenden bis an den Rand der Forschung geführt haben. Dieser Rand wird aber immer weiter herausgeschoben, so daß nur eine Verlängerung der Lernphase oder eine stärkere Spezialisierung als Maßnahmen übrig bleiben, damit die Forschung noch vorangetrieben werden kann. Doch beide Maßnahmen haben Grenzen: Die Lernphase kann nicht über die medizinische Lebensspanne des Menschen erweitert werden, und die Spezialisierung führt, wenn sie zu weit getrieben wird, zum Fachidioten, der dadurch, daß er keinen Überblick mehr hat, nicht weiß, was er tut, und letztlich zur Forschung unfähig wird. Hier zeigen sich die praktischen Grenzen des Wissens. Die Felder der Erkenntnis entfernen sich immer mehr von ihrer Quelle, dem wissbegierigen Menschen, und sind deshalb zur Verödung verdammt. Die großen erkenntniskritischen Entwürfe der Philosophie verblassen angesichts dieser Entwicklung, ihre Fragen, was der Mensch überhaupt wissen könne, werden obsolet, wenn eines Tages das Weltwissen nicht mehr wachsen wird, weil ihm niemand mehr etwas hinzufügen kann. Die positivistische Hoffnung, der wissenschaftliche Progreß werde niemals enden, sondern das Menschengeschlecht zu immer tieferer Erkenntnis der Welt führen, liegt zerschlagen auf dem Boden der Tatsachen. Zu diesem Zeitpunkt wird das Weltwissen so umfangreich sein, daß es unmöglich sein dürfte, darauf zuzugreifen und dieses Wissen verfügbar zu machen. Es wird die Erforschung dessen, was wir schon wissen, einsetzen, die Herrschaft der Datenbanken und der Bibliothekare beginnt. Doch auch diese letzte Form der Wissensvermehrung durch Metawissen wird wegen der erwiesenen Endlichkeit ihres Betätigungsfeldes ein Ende haben. Die Tragikomödie des menschlichen Geistes liegt dabei darin, daß sein Drang nach Wissen an den plattesten und trivialsten Umständen scheitert. Nur sein lächerlich kurzes Leben ist schuld, daß er und seine Visionen vom absoluten Wissen oder vollkommener Naturerkenntnis nicht in die Tat umsetzen können wird. Schmerzlich ist aber, daß es einen Punkt geben wird, da die Kinder nicht mehr wissen können als ihre Mütter und Väter. Vielleicht werden sie uns um unsere Unwissenheit beneiden, weil wir noch Neues entdecken konnten, weil Forschung noch möglich ist. Hier spätestens endet die Aufklärung, doch nicht dadurch, daß sie in einer philosophischen Überwindung, in einem neuen Paradigma, ihre Erfüllung findet und aufgeht, sondern nur im realen Scheitern ihres Konzeptes an der blanken hoffnungslosen Wirklichkeit des Menschen als zentraler Unbestimmten der Philosophie. |