Pietati, Doktrinae, VirtutiAbiturrede, gehalten von Kai-Uwe Bux am 30. Mai 1987 in der Aula am Dannhalm. Hochverehrte Anwesende! Man hat mich bestimmt, hier ein paar Worte als Sprecher der Schüler zu sagen. Eine Rede wird verlangt; und da eine solche zu halten nicht leicht ist - zumal als Schüler, ungeübt in diesen Dingen -, ist kein Mangel an Ratschlägen. Die Wahrheit solle ich sagen, ihr allein sei ich verpflichtet, und meine Hörer ( Eltern, Lehrer, Schüler ) dürfe ich nicht verärgern. Das ist nicht leicht, das ist vielleicht unmöglich. Lob und Tadel ausgewogen verteilen und, worüber nichts Gutes gesagt werden kann, davon besser schweigen: auch das würde beträchtliche Kürzungen bewirken. Schließlich ist da noch der Rat von Walter Jens, dem derzeit besten Redner deutscher Zunge, den ich kenne, zu erwähnen, welcher besagt, daß eine Rede vor allem angemessen sein soll. Angemessen! Was heißt das angesichts dieser Feierlichkeit, des größten Festaktes meiner Schulzeit? Diese
Verabschiedung von höchster Festlichkeit und ebensolcher Nichtigkeit nichts wird heute noch entschieden, am
Resultat nichts mehr verändert - diese Veranstaltung also gewinnt aus jenem Widerspruch ein Maß von
Lächerlichkeit, das es schwer macht, Angemessenes zu sagen. Zumal diese Veranstaltung nicht einmal an unserer
Schule stattfindet, sondern in einer Leih-Aula, einem gemieteten Saal - ohne Bezug zu unserer Schule. Und was haben wir nicht alles gelernt? Zwar, wer Schreibmaschineschreiben lernen wollte, war bei uns falsch. Statt dessen befähigte das Gymnasium zwangsweise jeden seiner Zöglinge, in bestem Oxfordenglisch beim Schlachter einen Vektor Wurst zu verlangen, wie ein sehr geschätzter Mitschüler es so treffend karikierte. Ja, wir sind ob unseres guten Deutschunterrichtes sogar in der Lage, die wahrscheinlich Unverständnis bekundende Reaktion als Indiz einer gestörten Kommunikation zu interpretieren und die falsche Verwendung des Wortes "Vektor", das mit Wurst nichts zu tun hat, sowie den Gebrauch der englischen Sprache als Ursache derselben zu erkennen. Aber keiner von uns hat hier gelernt, dem Schlachter verständlich zu machen, was gewünscht wird. Im Ernstfall sind wir also aufgeschmissen. Doch wenn es nicht das Wissen ist, was für das Leben so wichtig, dann bleiben nur noch die Werte, welche wir verinnerlicht haben: Und wie steht es mit den Idealen, mit dem Bild vom Musentempel, der heiligen Stätte der Bildung? Was ist das überhaupt: Bildung? Humanistische Bildung - abendländische Bildung - humboldtsches Bildungsideal. Es gibt viele Begriffe, die im semantischen Fahrwasser der Bildung segeln. Ist Bildung wirklich Vektorrechnung und Kommunikationstheorie, Sprachunterricht und Biologie? Läßt sich Bildung so einfach in Fächer zergliedern? Wie auch immer: Bildung hat etwas mit Menschentum zu tun, mit Erziehung, mit der Vermittlung von Kenntnissen und Anschauungen, Anschauungen über die Welt, darüber, wie man mit ihr umgeht, ihr gegenübertreten kann, und Kenntnissen, wie man sich weitere Erkenntnisse verschafft, mit Informationen umgeht. Kurzum: Bildung ist Erziehung zum Denken. Nun habe ich von unserem Ministerpräsidenten - Sie wissen, das ist der mit dem Ferkel auf dem Arm und dem Persilgrinsen auf dem Gesicht - persönlich die Aussage, daß unser Bundesland ein hohes Ausbildungsniveau besitzt, womit wir bei der Ausbildung sind (der verhurten, korrumpierten, degenerierten Schwester der Bildung). Bei der Ausbildung ist es sozusagen aus mit der Bildung. Ihr Schwerpunkt liegt beim Handeln. Zweckorientiert, am Zweck ausgerichtet ist sie, stets darum bemüht, Menschenmaterial zu produzieren, nützlich, unkritisch, verwendbar. Bildung hingegen zielt nicht auf den Zweck, sie geht wie das Denken selbst auf den Sinn aus. Für sie gilt, was Jaspers einst von der Forschung sagte: Sie sei "unbedingtes Wissenwollen, unbedingt zweckfrei und nicht käuflich." Er sagte "zweckfrei", er sagte nicht "sinnlos". Wie also, um die Frage nochmals zu stellen, steht es mit dem Bildungsideal, wo doch selbst von Schülern die Frage kommt, was sie mit dem erworbenem Wissen anfangen sollen, wo die Schüler selbst nach ihren Berufswünschen wählen, wo Latein kaum Leistungskurse zusammenbringt und Englisch, Bio, Mathe, Physik wehre Triumphe feiern, was ja auch im hohen Maße durch jene obrigkeitlichen Verordnungen, die unser hochgeschätzter Schulleiter immer so treffend zitiert, provoziert wird. Naturwissenschaftler für die Industrie und Übersetzer zur internationalen Konkurrenzfähigkeit wegen der Bedienungsanleitungen, das braucht die Wirtschaft, brauchen wir; Latein aber ist eine tote Sprache, und wer treibt schon Handel mit dem Vatikan? Wir haben also eine Ausbildung hinter uns, und eine teure dazu. Sie können froh sein, daß mir keine Zahlen zur Verfügung stehen, doch es ist offensichtlich, daß der Unterhalt unserer Schule nicht billig ist: Viele Lehrer, noch mehr Schüler und umfangreiche Sammlungen großer und kleiner Versatzstücke für den Unterricht. Wozu? (Was macht unsere Ausbildung so nützlich? Was ist so wichtig an der Schule?) Wie schließlich sind die hohen Kosten zu rechtfertigen? Betrachten wir die Schule doch einmal etwas genauer: Es beginnt mit der Grundschule Lesen, Schreiben, Rechnen und ähnlich Nützliches - und nach vier Jahren dann auf die OS, wenigstens jetzt noch. Da wird dann entschieden. Die aus den A-Kursen kommen aufs Gymnasium, die aus den B- und C-Kursen auf Real- und Hauptschulen, und einige fallen völlig durch die Maschen des Netzes, werden aussortiert wie die Kücken, die trotz aller Vorsicht zuweilen auch in Legebatterien aus den Eiern schlüpfen und im Abfall oder bei den Nudeln landen. Die andern aber, die die erste Klippe genommen haben, erleben weiterhin den Unterricht. Vorne steht ein Lehrer, dem Fließband mit den Körnern gleich, Einheitsbrei aus vorverdauten Informationen an die Hühner - Verzeihung-, will sagen Schüler verfütternd, wie in der Legebatterie. Die Schüler dann sondern ähnlich den Hennen auch was ab, worauf ich nicht näher eingehen möchte, doch ihr Geschnatter wird in der Schule als mündliche Leistung sogleich in Punkte umgerechnet, Schließlich wird am Ende eines jeden Schuljahres Leistung bilanziert und ausgewählt, wer weiterkommt. Wozu also das alles, welchen Sinn hat es? Nein, besser sollte ich fragen, welchen Zweck es hat, denn als Stätte der Ausbildung, nicht der Bildung hat Schule wenig Sinn und nur etwas mit Zweck zu tun. Die Antwort ist inzwischen klar: Wir Schüler werden dadurch nützliche Mitglieder dieser Gesellschaft, die nicht die unsere ist, weil sie anderen gehört, anderen, deren nützliche Idioten wir dann schließlich sind, dazu geworden oder gemacht, je danach, ob man es von rechts oder links betrachtet. Und diese andern ziehen ihren Vorteil daraus, daß wir Schüler schon heute so denken, wie sie wollen, daß wir denken sollen. Wer hätte seine Fächerwahl nicht daran ausgerichtet, was er oder sie später werden will oder soll? Gewiß, darin liegt der Vorteil, man kann sein Lebenskonzept wahr werden lassen. Jeder von uns hat Chancen auf sein Leben. Jeder einzelne findet seinen Platz seine Aufgabe im Beruf, ar der Uni oder am Herd daheim seinen Platz, den er als Individuum ausfüllt, ja als Individuum, Götzenbild, dem wir in dieser Gesellschaft huldigen, dessen Kult zur Ideologie geworden ist. Ja, das hat die Schule aus uns gemacht: Individuen, bereit, für die Firma, die Wissenschaft oder die Familie ihr bestes zu geben - leistungswillig, zukunftsbewußt, abgelenkt von der Erkenntnis ihrer Daseinsbedingungen durch Medien und bisher auch durch Schule, dem Denken entwöhnt, oder besser von Anfang an verdummt. Dafür müssen wir der Schule danken, wie unserem Direktor für den gestimmten Flügel unserer Schulaula; denn nur so, als Nichtdenkende können wir überleben. Und weil wir ja das Abitur haben, stehen unsere Chancen nicht schlecht, dabei sogar auf Kosten derer, die auf der Strecke geblieben sind, ganz gut zu leben. So droht von uns aus auch keine Gefahr. Die, die dafür sorgten und mit Hochschul- und Oberstufenreform wieder sorgen, daß Bildung durch Ausbildung ersetzt wird, brauchen keine Angst zu haben. Das System funktioniert ganz gut. Doch nicht perfekt, wie ich mit einem tadelnden Seufzer der Erleichterung hinzufügen muß: Neben jenen Lehrautomaten gibt es auch verantwortungsloses Lehrerpack, das Kritik üben läßt. Sie lassen Schüler üben zu kritisieren, zu denken, ja, denken vielleicht sogar selbst. Solche Lehrer, die Freiheit für mehr als nur Freihandel halten, bleiben aber ja nicht immer im Schuldienst. Dank jener Möglichkeit des Berufsverbotes ist es möglich, einige von ihnen zu entfernen, wenn sie in der falschen Partei sind. Dorothea Vogt ist einer dieser Fälle, der sich an unserer Schule ereignet hat. Hier zeigt sich, daß das System eben doch ganz gut funktioniert eine Immunreaktion, sinnlos, doch nicht zweckfrei. Und die Schüler? Einige, verdorben durch Lehrer, Eltern oder Mitschüler links von der Mitte, haben sich durch die Jagd nach Punkten nicht davon ablenken lassen, gegen das Berufsverbot zu protestieren. Welch schlechtes Omen! Aber letztlich siegt doch die Vernunft, unser Jahrgang ist sortiert: [Die einen auf die Straße, die andern halt in diesen Saal. Die elterliche Hand, nein eher die sortierende Hand ist wichtig in der Legebatterie.] Handverlesen, nach Güteklassen geordnet und mit einem Etikett beklebt, harren wir der Dinge, die da kommen. Wir sind bereit, gut gewappnet, mit einem Paar Scheuklappen bester Oualität und einem Reifezeugnis durchs Leben zu gehen, damit auch in Zukunft alles bleibt, wie es ist. Und da ich Zitate, wie Sie, meine geschätzten Zuhörer, deren Aufmerksamkeit ich nicht länger - und ich sage dies so, wie es ist - in Anspruch nehmen werde, bemerkt haben werden, liebe, möchte ich meine Rede, deren Ende sie jetzt, wenn sie so wollen, auskosten dürfen, auch und gerade an jene Lehrkräfte, die zu tadeln ich mich vorhin genötigt sah, gewandt, mit einem Zitat beschließen: Weiter so Deutschland! Weiter so. Entstanden unter den kritischen Ohren von Heiko M. Pannbacker |