Nach der Hochschulratssitzung im Juli 1998 fand es Hochschulratsgeschäftsführer Gerold Memmen "unerfreulich", dass eine Entscheidung über die Berufungsliste "Kunstpädagogik" nicht getroffen werden konnte. Der Fachbereichsrat des Fachbereichs Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften hatte noch nicht über die Liste beschlossen. In der Nordwest-Zeitung hieß es, der Dekan, Prof. Dr. Joachim Kuropka und sein Vertreter, Prof. Dr. Peter Nitschke, hätten die "Herausgabe von Akten trotz einer anderslautenden Anordnung aus dem Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur verweigert". "Memmen kritisierte das Verhalten beider Hochschullehrer", schrieb die Nordwest-Zeitung, "als vorsätzliche Sabotage der Lehrerausbildung ". (11. Juli 1998)
Zur Sache: Nach dem Niedersächsischen Hochschulgesetz beschließt der Fachbereichsrat eine von einer Berufungskommission vorgelegte Berufungsliste. Der Fachbereichsrat hat die Berufungsliste Kunstpädagogik nach intensiver Diskussion abgelehnt, weil die vom Ministerium verordnete neue Prüfungsordnung andere Schwerpunkte vorsah als den Schwerpunkt "Plastik", für den die Stelle ausgeschrieben war. Unabhängig von jeder Beschlussfassung des Fachbereichsrates wollte der Hochschulrat vorab beschließen. Angeblich benötigte das Fach Kunst unbedingt die Stelle. Anderseits war das Lehrangebot vorhanden, weil die Stelle durch den Erstplazierten vertreten war und ist. Studienanfänger im Fach Kunst (Erst- oder Zweitfach): 4 (in Worten: vier). Weil die Akten durch eine unglückliche Verkettung der Umstände nicht vorlagen, konnte der Hochschulrat also nicht beschließen.
Nachdem die Fachbereiche aufgelöst waren, interessierte den Rektor - und den Hochschulrat - der Beschluss des Fachbereichsrates nicht mehr. Der Rektor legte die abgelehnte Berufungsliste dem Senat in seiner Eigenschaft als Ersatz des Fachbereichsrates vor. Der Senat lehnte diese Liste ab.
Auch die Ablehnung interessierte den Rektor und den Hochschulrat nicht. Der Rektor legte die abgelehnte Liste - die es also gar nicht gab - der gemeinsamen Kommission für Lehrerausbildung vor. Diese Kommission muss bei Berufungen im Lehramtsbereich Stellung nehmen, bevor der Senat seine Stellungnahme abgibt. Die GKL setzte den Tagesordnungspunkt ab, weil es keine beschlossene Berufungsliste gab.
Das interessierte den Rektor und den Hochschulrat nicht. Auf der Tagesordnung der Hochschulratssitzung am 8. März 1999 stand als Tagesordnungspunkt 11 "Berufungsliste C3-Professur Kunstpädagogik . Berichterstatter: Prof. Dr. Horst Ruprecht und Prof. Wulf Schomer (Vorsitzender der Berufungskommission). Anlage: Abschlussbericht, Begründung über die Reihenfolge der Listenplätze, Vergleichendes Gutachten, Laudationes."
Alles vorhanden, nur kein Wort über die Ablehnung dieser Berufungsliste durch den Fachbereichsrat und den Senat in seiner Eigenschaft als Ersatz für den Fachbereichsrat! Das interessierte den Hochschulrat nicht: Er befürwortete den Listenvorschlag einstimmig.
So geht der Rektor mit dem Gesetz um! So geht der Hochschulratsvorsitzende mit dem Gesetz um! So geht der Hochschulrat mit dem Gesetz um! Und wer nicht spurt, dem wird "vorsätzliche Sabotage der Lehrerausbildung" vorgeworfen. So Hochschulratsgeschäftsführer Memmen im Auftrage seines Vorgesetzten, Dr. med. Koch.
Prof. Kuropka nahm dazu in einem Leserbrief in der Nordwest-Zeitung vom 1. August 1998 Stellung:
"Der Hochschulrats-Vorsitzende Dr. Hartmut Koch wirft mir durch seinen Geschäftsführer Gerold Memmen vor, ich betriebe vorsätzliche Sabotage der Lehrerausbildung . Das macht mich schon nachdenklich, denn zuletzt ist Sabotage einem Familienmitglied 1950 in der sogenannten DDR vorgeworfen worden. Der nächste Schritt war dann Boykotthetze und darauf stand Gefängnis. Manche sehen mich schon mit einem Bein im Vechtaer Gefängnis, neben dem Krankenhaus, an dem Dr. Koch ärztlicher Direktor ist.
Das ist der Ton, den der Hochschulrats-Vorsitzende pflegt, wenn sich Dekan und Prodekan an die gesetzlichen Regelungen halten, nach denen an keiner Stelle Vorab-Beschlüsse möglich sind. Man fragt sich, woher das hohe Interesse des Hochschulrats-Vorsitzenden an der zweiten Kunstprofessur rührt, deren Lehrleistung im übrigen durch eine Vertretung zur Verfügung steht, während die Besetzung einer Sportprofessur inzwischen über Jahre verschleppt wurde.
Als Erklärung wird in der Universität angeboten, dass der Kunstprofessor Wulf Schomer von der Hochschulratsfraktion Zugänge hat, die seinem Sport-Kollegen fehlen."